Mittwoch, 10. April 2013

Ein Schriftsteller der anderen Art

Stefan Heym wurde vor 100 Jahren geboren. Als er Gymnasiast war, schrieb er dieses Gedicht:

Exportgeschäft
Wir exportieren!
Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export!
Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!
Wir lehren Mord! Wir speien Mord!
Wir haben in Mördern großen Export!
Was tun wir denn Böses?
Wir vertreten doch nur
die deutsche Kultur.”

Das Gedicht ist heute so aktuell, wie damals.

Seine Bücher waren in der DDR begehrt, aber nur schwer erhältlich. Man musste in der Regel Beziehungen zum Buchhandel (fleißig immer dort auftauchen, so dass man bekannt wurde) haben oder zu Verlagen.  Zuerst war ich fleißige Buchhandelsbesucherin mit Bestellmöglichkeit durch das Ankündigungsblatt der Buchhändler und später hatte ich Beziehungen zum Morgenverlag, dem ich mit angehörte.

In meiner Büchersammlung befindet sich immer noch ein überzähliges Exemplar von Stefan Heyms "Ahasver", das ich mal verschenken wollte bis mir 1990 dazwischen kam, wo niemand mehr solche geistreiche Literatur lesen wollte.  Im Gegenteil: Es war die Zeit, als man DDR-Bücher entsorgte, sie auf den Müll warf und vergaß. Eine etwas andere Bücher"verbrennung". Heutzutage werden einige DDR-Autoren wieder verlegt, andere Bücher erhält man nur noch über Antiquare oder weitsichtigen Menschen, die unsere Bücher aus dem Müll fischten.

Ahasver, der Ewige Jude, begegenet uns durch Raum und Zeit. Melanchton taucht in der Geschichte auf. Luthers dogmatische Seiten jenseits seiner Thesenanbringung ist ein Thema. Besonders amüsant und tiefgründig ist der Briefwechsel zwischen Prof. Siegfried Beifuß vom "Institut für wissenschaftlichen Atheismus" in Berlin und Prof. Jochanaan Leuchtentrager von der "Hebrew University" in Jerusalm über die Existenz des Ewigen Juden und ... wie man vielleicht vermutet, wird Prof. Beifuß von Ahasver "heimgesucht".

Besonders gut in Erinnerung ist mir ebenfalls sein "König David Bericht", der zeigt, wie Geschichte von Siegern umgeschrieben werden möchte.

"Kreuzfahrer heute" zeigt den 2. Weltkrieg aus der Sicht amerikanischer Soldaten, die Deutschland befreien. Er emigrierte als jüdischer Intellektueller schon 1933 nach den USA und kämpfte auf der Seite der Amerikaner im 2. Weltkrieg. Seine linke Gesinnung brachte ihn mit dem Kommunistenerlass der McCarthy-Ära dazu, in die DDR überzusiedeln.

Es gibt auch noch andere bedeutende Romane von Stefan Heym. Seine "5 Tage im Juni" über den 17. Juni 1953 kenne ich noch nicht. Es bietet sich aber an, gerade diesen Roman jetzt zu lesen, da wir im Zuge des 60. Jahrestages des 17. Juni sicherlich mit zig einseitigen Berichten überschüttet werden. Sicherlich wird mir da der "König David Bericht" in echt vorgeführt werden. 

Auch ein 100-jähriger kann uns noch viel lehren und wir können lernen, Geschichte differenzierter zu betrachten. Ganz davon abgesehen, dass es Vergnügen bereitet, ihn zu lesen. Stefan Heym ist kein bisschen angestaubt.


Kommentare:

  1. "5 Tage im Juni" habe ich 1972 gelesen. Ist nicht besonders, eher journalistisch, zeigt aber deutlich, wie die sogenannte Revolution vom 17. Juni vom RIAS gesteuert wurde. Das Buch war wohl in kleiner Auflage auch in der DDR verlegt worden. Ich hatte es von Jan Feustel, dem Sohn der Kinderbuchautoren Inge und Günter Feustel. Warum das Buch nicht sozialistisch genug war für die DDR,hat sich mir überhaupt nie erschlossen, geht Heym eigentlich sehr offensiv mit dem Klassenfeind um. Aber unsere Kleingeister an der Macht hatten wohl vor allem Angst, was sie nicht verstanden.

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    1. Die Feustels. Mann, die haben gute Kinderbücher geschrieben! 17. Juni. Ein großer Fehler der DDR war, diesen Tag niemals richtig auszuwerten und die Propaganda den anderen zu lassen. Ich bin im Prinzip die ganze Zeit dumm herumgetappt, ohne zu wissen, was eigentlich wirklich los war. Wer hat denn etwas gesagt? Der Westen - und dem habe ich in der Beziehung niemals getraut, auch damals in der DDR schon nicht. Ich denke, Fehler zuzugeben, ist eine große Stärke. Damals wurde dies von der DDR versäumt. Übrigens, Fehler zuzugeben ist wahrscheinlich nie die große Stärke der Regierenden/Herrschenden, obwohl sie da viel glaubwürdiger herüberkommen würden. Heute, wie damals.

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  2. Ja Stefan Heym - dank meiner Mutter (Bibliothekarin damals) habe ich auch seine Bücher gelesen, soweit sie bei uns erschienen sind bzw. auch unter der Hand besorgt wurden.

    Zur letzten großen Büchervernichtung noch ein Link aus der Jungen Welt - wahrscheinlich kennst du ihn schon.

    http://www.jungewelt.de/2013/01-24/035.php?sstr=Band%7CKulturnation%7CDeutschland

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    1. Danke für den Link. Ja, ich kenne den Artikel.

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