Sonntag, 21. April 2013

Gestern - der besondere Tag

Yad Vashem


Sonnabend war's, gestern also. Ich stehe auf dem Balkon, junge Leute gehen vorüber und rufen jemanden zu, der ein paar Balkone weiter wohnt: "Heute ist ein besonderer Tag". Ich stutze. "Besonderer Tag?", denke ich. Drei Fragezeichen, ein Ausrufezeichen folgt. Ah ja!

Ein paar Balkone weiter lebt inmitten von Russen, Russlanddeutschen, Romas, Kosovaren, ein paar Kopftuchfrauen sind auch drunter, aber die absolute Minderheit, und anderer Menschen aus vielen Ländern, vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Fels in der deutschen Brandung. Der Deutsche an sich. Am Küchenfenster tut er kund, was er ist - schwarz-weiß-rot befahnt das Logo. Er ist derjenige (oder auch die), der offen kund tut, was andere schimpfen. Über uns z.B. kommt öfters mal eine wütende Hasstirade auf Ausländer an sich, die sich hier alles erlauben dürfen, sogar früh um 7:00 Uhr Möbel rücken dürfen und er Probleme bekäme, wenn er seine Wohnung auf Vordermann brächte. - Die hatte er mit mir, weil er nach 19:00 Uhr seinen Presslufthammer (nein es war ein Bohrer) die Betonwände bearbeiten lässt. Nicht für umsonst sind bestimmte Bohrzeiten festgelegt, wenn jemand weiß, wie laut die Schallwellen sind und wie weit sie sich fortpflanzen. - Oder nehmen wir meine Nachbarin, die hasserfüllt meint, dass dem Ausländer an sich, die Fernseher von staatlicher Seite kostenlos in die Wohnung gestellt werden und dass all deren Möbel die modernsten wäre. Sie kennt zwar überhaupt niemanden, der ausländische Wurzeln hat, aber das ist egal, sie weiß das eben. Das ist das Umfeld, wo der deutsche Fels in der wogenden ausländischen Suppe sich standhaft bewährt. ;)

Ein besonderer Tag? Gestern? Immer mehr junges Volk strömt gerade zu dieser Adresse in schwarz-weiß-rot. Ich weiß nicht, wer dort wohnt, habe noch nie jemanden dort auf den Balkon gesehen, die Vorhänge sind immer zugezogen. Ich weiß nur, dass er/sie schwarz-weiß-rot ist/sind.

Gestern wurde Hitler geboren. Ein besonderer Tag? Ein Tag, dem man feiert? Seinen Todestag, ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Aber seinen Geburtstag?

Haben die jungen Leute, die zielstrebig zum Schwarz-weiß-rot gingen keine Eltern? Oder Großeltern? 

Gysi sagte einmal sinngemäß, dass die Sieger des 1. Weltkrieges nicht aufhören konnten zu siegen. Sicherlich liegt im Vertrag von Versailles die Wurzel des 2. Weltkrieges, aber nicht die der systematischen Ermordung von Millionen von Menschen.

Wenn ich Hitlers Geburtstag feiere, sage ich "ja" zu Millionen von Toten. Ich sage "ja" zu Deportationen und Ermordungen. Dabei ist es kleinkariert darüber zu diskutieren, ob nun 6 Millionen Juden ermordet worden sind oder es weniger waren. Jeder Ermordete, nur weil er einer bestimmten Gruppe Mensch angehörte, ist einer zu viel. 

Rolf Kralovitz erzählte in seinem Büchlein "Der gelbe Stern in Leipzig" davon, dass er als Kind von anderen Jungen verhauen wurde, nur weil er Jude war. Das reichte den Kindern. Er erzählt davon, dass ehemals gute Nachbarn in seinem Haus zu Rassisten mutierten, als es en woge wurde rassistisch zu werden, als viele mit dem Mainstream mitschwimmen wollten. Jüdische Kinder durften damals nicht mehr auf der Straße spielen.

Und das soll gefeiert werden?

Da feiern Jugendliche den Geburtstag des Mannes, der die Meinungsfreiheit, von der sie heute profitieren, komplett abgeschafft hat. 

Jeder durfte nur noch völkisch, nur noch das Vorgegebene denken. Wer anders dachte, wurde in Zuchthäuser oder KZ's gesteckt. Millionen deutscher Familien lebten in Angst und Schrecken, nur weil sie Gewerkschafter, Sozialdemokraten (das vergessen die leider heute) oder Kommunisten waren. Sie waren Freiwild. Durften zusammengeschlagen werden, gefoltert oder ermordet werden. Es gab Schauprozesse und den Volksgerichtshof, wo Todesstrafen am Fließband ausgesprochen wurden.

Tod durch Arbeit war das, was vielen Andersdenkenden zugedacht war.

Einwurf: Das rufe sich jeder in Erinnerung, der meint, dass die DDR mit ihrem Zivilgesetzbuch ein Unrechtsstaat war und mit dem Faschismus gleichgesetzt werden sollte.

Schlimmer ging man mit dem jüdischen Bevölkerungsanteil um. Juden sollten als Volk komplett ausgelöscht werden. Das war der Lebensmittelhändler um die Ecke, der Handwerker nicht weit weg von einem. Das war der Universitätsprofessor, der bahnbrechende Entdeckungen für Deutschland gemacht hatte. Das war der vormals umjubelte Schauspieler oder Sänger. Der Deutsche, der im 1. Weltkrieg Offizier oder einfacher Soldat war und für Deutschland gekämpft hatte, was mit Orden honoriert wurde. Oder, dass war der Verleger (gerade in der Buchstadt Leipzig), der den deutschen Verlagen Weltruhm einbrachte. Und es waren viele andere namenlose Menschen - MENSCHEN, sage ich - die plötzlich keine Lebensberechtigung mehr hatten. 

Man brachte deutsche Staatsbürger um, nur weil sie nicht der Norm entsprachen. Sie waren krank, geistig verwirrt, spastisch gelähmt, waren mit der Trisomie zu Welt gekommen ... Sie waren sozusagen nur Kostenfaktoren und konnten nicht mehr für Glanz und Gloria des Reiches arbeiten.

Einwurf: Kommt einen das nicht wiederum bekannt vor?  Nur vom Denkansatz her?

War Hitler und seine Verbündeten in der deutschen Industrie etwa Jahwe, der alttestamentarische, strafende Gott? 

Wieso haben sich Menschen angemaßt, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen und zwar nach nichtigen Gruppeneinteilungen? Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern?

Feiern die jungen Menschen das?

Feiern sie, dass slawische Völker als Untermenschen angesehen wurden? Dass man sie aushungern und deren Land stehlen wollte, weil es angeblich den Deutschen nun gehören solle? Dass es in deutschen Händen besser bewirtschaftet würde? Und wenn es 10 Mal so gewesen wäre, kann es uns Schnuppe sein, was andere mit ihren Ressourcen anfangen. Es sind deren Ressourcen. Es ist Raub, wenn man sie ihnen wegnimmt. Wieso sind Menschen Untermenschen, wenn sie nicht nach deutschem Vorbild leben?

Einwurf: Parallelen zu heute sind unübersehbar.

Ich höre immer wieder, dass Hitler ja Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit abgeschafft hätte.

Okay, Autobahnen! Wozu? Nicht um das Privatauto von A nach B schneller und komfortabler kommen zu lassen. Autobahnen wurden für schnelle Truppentransporte von einem Ende Deutschlands zum anderen Ende Deutschlands, schnell zur Grenze nach Polen, Frankreich, der Tschechoslowakei gebaut. Das war das Ziel.

Abschaffung der Arbeitslosigkeit. Okay. Sie wurde durch eine frühe Form von HartzIV abgeschafft. Der Arbeitsdienst war ähnlich dem Hauptsache Arbeit. Frauen wurden in Rüstungsfabriken DIENSTVERPFLICHTET. Alles wurde in die Rüstung gesteckt. Die deutsche Industrie verdiente sich dumm und dämlich an den Billigarbeitskräften und den KZ-Häftlingen.

Einwurf: Auch hier sind Parallelen zu heute unübersehbar, von der Denkungsart zumindest.

Und mal ehrlich, falls man noch ein Funken Menschlichkeit sein eigen nennt: Was ist schon eine Autobahn, wenn Millionen von Toten auf der anderen Seite der Rechnung stehen? Ist ein Jubel dann immer noch berechtigt?

Was ist schon der Arbeitsdienst, wenn Millionen von Menschen vergast wurden, nur weil sie anders dachten, nicht der Norm entsprachen und einer anderen Ethnie angehörten. Ist ein Jubel dann immer noch berechtigt?

Es gibt nicht nur die Vorderseite der Medaille. Die andere mit Mord und Totschlag ist fest mit der Vorderseite verbunden. Sie lenkte die Vorderseite und ich behaupte, dass die Rückseite die eigentliche Vorderseite des faschistischen Systems war. Alles sogenannte Soziale, was es so glorifiziert nicht gab, wurde dem Ziel der Kriegsführung und Ausrottung anderer Menschen untergeordnet.

Was feiern eigentlich die Jugendlichen?









Kommentare:

  1. Was die feiern, wissen sie selbst nicht. Frag mal einen über das 3. Reich, der weiß darüber nicht viel.

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    1. Wahrscheinlich. Der mörderische Teil wird als Lüge abgetan, obwohl es genügend Dokumente darüber gibt. Oder es wird damit abgetan, dass durch die Sieger, die Lügen verbreitet worden sind. Dabei werden die ganzen, sogar filmischen, Dokus übersehen oder nicht wahrgenommen. Diese Haltung geht weit in die Bevölkerung hinein, wie ich kürzlich bei einem von mir sehr geschätzten Blog feststellen musste. Meist wird Ursache und Wirkung übersehen und man bleibt an der Wirkung hängen, ohne das "warum" zu reflektieren. Leider.

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  2. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Die feiern wirklich Hitlers Geburtstag? Und kein Blitz aus heiterem Himmel bringt dieses Dreckszeug auf der Stelle um? ES GIBT KEINEN GOTT:

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    1. Und wo sollte Gott wohnen? Zwischen den Planeten im luftleeren Raum? Solche Geburtstagsfeiern gibt es doch haufenweise - leider.

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    2. Gott ist schon uralt und hat sich zurück gezogen.
      Den Blitz muss ein Anderer loslassen.
      Barnimer

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  3. Natürlich feiern Idioten den Geburtstag eines Idioten. Am 20. April gehe ich persönlich ab 18.00 Uhr nicht mehr raus.

    Aber was anderes:

    Klar bekommen "Ausländer" auch mal einen Fernseher kostenlos. Das passiert, wenn jemand einen zu verschenken hat. Wir haben einen verschenkt. Einen ganz normalen, kein Flachdingens, 12 Jahre alt und der junge Mann freute sich riesig. Mich beeindruckte sein Auftreten, an dem sich viele Deutsche ein Beispiel nehmen könnten.

    Was diese "Deutschen" betrifft: So wie die aussehen, wären das die ersten gewesen, die "ihr Führer" als hätte weggesperrt. Wir hatten hier mal welche in der Nachbarschaft. Den ganzen Tag lang waren die nur damit beschäftigt, leere und volle Flaschen hin und her zu tragen. Der Hund kackte auf die Treppen, gepieselt haben diese Typen gleich im Hof. Die Eigentümer dieser Wohnung landeten im Gefängnis und die Kumpane feierten weiterhin in der Wohnung und verkauften dann so nach und nach die Habseligkeiten ihrer "Kameraden", um weiter saufen zu können. Die Wohnung musste jedenfalls komplett saniert werden (zerschlagenes Waschbecken, Toilette, Fliesen, Türen ...) Solche nennen sich dann "Herrenrasse".

    Was mich aber am meisten aufregt, sind deren Shirts und Aufkleber mit dem Slogan "Todesstrafe für Kinderschänder". Ihr "grosser Führer" lies Kinder ermorden und die wenigsten von denen zahlen Alimente. Und natürlich haben die alle Grosseltern und jeder Opa von ihnen war bei der SS. Man muss nur mal zuhören, wenn die sich unterhalten.

    Ja und sie hassen Ausländer. Vor allem Muslime. Nicht wissend, dass es auch eine muslimische SS-Abteilung gab, nicht wissend, dass Ungarn ein Verbündeter der Nazis war. Und sie haben auch noch nie gefragt, wieso ein Hauptkriegsverbrecher im Nürnberger Prozess einen so jüdisch klingenden Namen hatte (Alfred Rosenberg). Dumme Menschen, aber gerade weil sie so dumm sind, sind sie so gefährlich.

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    1. Türken waren auch Verbündete des Nazi-Reiches. Aber, es gibt immer solche und solche Menschen. Liebenswerte Menschen und so richtig doofe Typen. Das ist immer unabhängig davon, woher sie kommen, was sie für eine Nationalität haben u.ä.

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