Freitag, 31. Mai 2013

Kein Personal mehr, aber Horch und Guck

Es lebe die schöne neue APP-Welt. Sie kann uns das Leben ja so erleichtern. Wir müssen nicht mehr fragen, was im Kühlschrank ist, der kommuniziert nämlich mit der Smartphone-APP und zeigt an - ich mache das mal altmodisch, um zu meinem eigentlichen Thema zu kommen - was ich einkaufen muss, um Nudeln kochen zu können.

Ich gehe dann in meinen Supermarkt der Wahl, logge mich ein. Halt. Das geht einfacher - mit einer APP. Der Supermarkt erkennt dass jetzt Lieschen Müller zur Tür herein kommt. Dafür habe ich mein Passbild beim Handelskonzern hinterlegt. Mein Supermarkt weiß nun, dass ich Stammkunde bin oder auch nicht. Er begrüßt mich freundlich. Ich gehe durch die Reihen, packe ein und mein Supermarkt registriert und nicht nur das, er bucht auch gleich ab. Er kennt ja meine Konto, wo auch immer, einschließlich Minipayment (oder wie das heißt) der Kreditkartenunternehmen. Wenn ich nach Hause komme - ach wie altmodisch - ich erhalte auf mein Smartphone abschließend gleich die Rechnung per eMail. Meiner Ansicht nach, da ich schon hörte, dass eMail altmodisch sei, könnte die Rechnung auch via Facebook mich erreichen und ich kann sie gleich mit anderen teilen. Vielleicht funktioniert dass dann so wie crowdfounding. Wenn ich durch den Supermarkt gehe, habe ich natürlich Google-Glass auf. Ich informiere mich dann über die Inhaltsstoffe oder auch nicht, habe aber die Möglichkeit im Internet nachzuschlagen, wo ich irgendeinen Supermarkt-Artikel günstiger erwerben könnte. Ich muss nur aufpassen, dass andere Kunden, die um mich herum sind, meine stirnwischenden Fingergesten nicht missverstehen. Um mein Facebook-Konto interessanter zu machen, fotografiere ich via Goggle-Glass gleich die Lebensmittel in meinem Warenkorb und teile dieses Foto mit meinen Millionen von Freunden bei Facebook. Schließlich ist es interessant für alle, welche Waren ich in meinen Einkaufswagen gelegt habe. Mein Blick ist seelig, froh und völlig entspannt. So ist eben die schöne, neue Einkaufswelt.

Wie altmodisch war gestern. Da hat man geschimpft und gedammicht, hat fast Aufstände organisiert und die "Befehle" verweigert, als die gesetzliche Krankenkassen einfach nur ein Passbild von uns wollten. Das war gestern. Heute hinterlege ich es freiwillig bei einem riesigen, internationalen Handelskonzern und finde das chic und hipp. Schließlich will ich entspannt einkaufen gehen. 

Mir fallen gleich so viele andere Möglichkeiten mit der durch ein Start-up-Unternehmen entwickelten APP ein. Man könnte sich ganz schnell dort einhacken. Oder die Handelskonzerene werden verpflichtet, die Daten abrufbereit zu speichern.

Fangen wir aber bei den Konzernen selbst ein. Nun weiß jeder Konzern ganz genau, was ich einkaufe und es wird viel einfacher sein, mir bestimmte Werbung auf das Smartphone/Tablet/PC zu schicken. Die Datenkrake Google war gestern. Morgen ist besser. 

Endlich können die Lohnkosten fast gestrichen werden. Die Kassen können abgeschafft werden und die Kassierinnen braucht man nicht mehr. Irgendwo können die ja noch einem Reichen den Popo wischen, ansonsten - aussortiert! Sollen sich andere damit herumschlagen, unnütze Fresser zu versorgen. Wozu gibt es Tafeln und Sozialkaufhäuser.

Die Jobcenter können auf die Daten zugreifen. Die wissen nun ganz genau, wie Hartz-4-Empfänger ihr Geld einfach so verschwenden, für Alk und Zigaretten. Aber das wussten die ja schon immer bis hinauf zur lieben Erzieherinnentante von der Leyen (der Mutti-Titel ist leider schon besetzt). Letztendlich können sie die Einkaufwagen auswerten und dementsprechend den H4-Satz kürzen.

Die Einkäufe der ganzen Familie sind registriert. So kann man gleich sehen, dass für das Kind des H4-Empfängers etwas gekauft wurde, dass so gar nicht zum H4-Satz passt. Das Kind hat sicherlich von der Oma einen nicht gemeldeten Betrag geschenkt bekommen. Es hilft nun auch nicht, dass die Oma mit dem Kind einkaufen geht. Alle verwandschaftlichen Verhältnisse sind in den Querverweisen auffindbar. 

Die Krankenkassen haben auch ein großes Interesse an den Daten. Da kauft doch jemand übermäßig Butter ein oder gar Schweinebauch. Und Zigaretten und Wein hat der Kunde wöchentlich in seinen Einkaufswagen gelegt und zusätzlich dazu noch Schokolade? Das geht so aber nicht. So kann man dem "Deliquenten" schon mal einen zusätzlichen Krankenkassenbeitrag für Risikoeinkäufe draufschlagen.  Falls wir dann noch als fettsüchtig eingestuft werden - früher war das vollschlank und keinem hat's gestört und die Krankheitsrate war auch nicht höher - werden wir bei einem Arztbesuch dazu verdonnert, alles selbst zu bezahlen. Schließlich wären wir ja selbst an unserem grippalen Infekt dran schuld. Würden wir mehr Salat wie eine Kuh essen, ja dann ... Aber unsere Einkäufezusammenstellung sagt eben aus, dass wir es mit dem Salat nicht so haben. Okay, vielleicht wächst uns irgendwann in der Menschheitsentwicklung mal ein Wiederkäuermagen, damit wir den Salat auch wirklich richtig erschließen können - aber das hilft Lieschen Müller zur Zeit überhaupt nichts. Sie muss zahlen. 

Das Finanzamt zählt natürlich sofort unsere Einnahmen zusammen und vergleicht sie mit den Ausgaben. Lieschen Müller muss nun mit einen Strafbescheid rechnen. Sie hat mehr ausgegeben, als eingenommen ohne einen Kredit aufzunehmen. Wo wird sie das überzählige Geld her haben? Sicherlich aus der Schwarzarbeit.

Aber ... wir haben ja nichts zu verbergen! Das hört man landauf, landab von naiven Menschen, die ihre Daten überall abgeben. Treuepunkte, Kundenkarten, Payback ist gestern. Es lebe die neue APP. 

Vergessen wir dabei nicht, dass diese APP auch für Fitnessstudios brauchbar wären oder andere Konsumtempel. Vielleicht können wir sogar bei der Krankenkasse noch ein paar Fitness-Pluspunkte aushandeln und die Schokoladen-Minus-Punkte ausbügeln.

Wir haben ja nichts zu verbergen. Und wer dagegen ist, ist ein(e) Verschwörungstheoretiker(in). Schließlich wartet eine Mehrheit von Menschen gerade auf so eine APP. Und was die Mehrheit will, dass ist Demokratie. So bekommen wir passend zu unserer marktkonformen Demokratie noch eine Konsumdemokratie. 

Also, demokratischer geht es doch nimmer.

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PS: Gut 50 % der Handelsunternehmen sollen lt. Aussage des Start-up-Unternehmens schon Interesse an der APP gezeigt haben, wenn das stimmt. 


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