Freitag, 24. Mai 2013

So wie es ist - ist es gut?

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein
Wir klatschen zusammen und keiner ist allein
Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein
Wir klatschen zusammen und keiner ist allein

Schunkel - schunkel - klatsch - klatsch. Die Masse ist seelig. Wir schwimmen auf der Donau. Wir kreuzfahren.

Wenn du heut' nicht in der Stimmung bist
Lass doch alles so sein, wie es ist
Wir wollen trinken, noch einen trinken
Weil man die Sorgen dann vergisst

Und wir trinken noch einen. In der Kabine macht uns derweil die Billigarbeitskraft das Bettchen fertig zum Schlaf.

Vorher haben die Billigjobber uns abgefüttert. Aber was soll's, soll'n froh sein, Arbeit zu haben, so die landläufige Meinung.

Sie kommen aus Rumänien. Und sie sind wirklich froh, arbeiten zu dürfen. Dürfen ist hier das richtige Wort. Man sieht es der Zimmerfrau an, wenn man denn sehen will. Sie hat Angst, ihren Job zu verlieren. In Rumänien ist es schlimmer. Dort gibt es so gut wie nichts.

Oma und Opa schnattern: Man weiß ja nie ... wo die herkommen ... ob die immer so hygienisch sind ... 

... also ich finde es gut, was ich von der Slowakei gehört habe ... dort gibt es nur Geld gegen Arbeit ... haben deswegen auch kaum Arbeitslose ... also, ich finde es gut ...

Keiner hört zu, als der Stadtführer erzählt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in der Slowakei Höchststände erreicht hat. Oma und Opa kennen ja die wirkliche Wahrheit, die Wahrheit, die BILD oder wer auch immer verkündet.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Wir fahren an Windrädern vorbei ...

... Unsere Frau Merkel sollte mal den Franzosen klarmachen, dass regenerative Energiequellen angesagt sind ... wie können die denn heute noch auf Atomkraft setzen wollen ... das muss Frau Merkel mal klären ... sie muss auch den anderen Europäern endlich mal sagen, dass keine Atomkraftwerke mehr gebaut werden dürfen (spricht die Reiseleiterin)

Oma und Opa wollen das auch. Frau Merkel sollte Ordnung in der Welt bzw. in Europa schaffen. Das muss schon sein.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Inzwischen räumt die Serviererin die überflüssigen Gläser weg, auch wenn wir doch noch das eine oder andere Glas auf den Tisch behalten wollten. Sie muss die Gläser wegräumen, da sie sonst dafür gradestehen müsste, falls noch eins auf den Tisch steht, was gerade nicht gebraucht wird. Und geradestehen heißt - Strafe zahlen!

Der Aufpasser steht in der Mitte des Speiseraumes, rührt kein Finger und das viel zu wenige Personal muss springen und hüpfen, schafft es aber trotzdem nicht, in annehmbarer Zeit, das Essen auf den Tisch zu bringen.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Das Essen war schlecht, Industriefraß. Aber das Essen der Mannschaft soll noch schlechter sein, wie mir jemand zusteckt.

... haben alle auch happi, happi gemacht? Alles ist guti! Noch ein Verdauerli? ... (Babysprache unserer deutschen Reiseleiterin)

Das Personal agiert wie aufgezogene Püppchen: Dankeschön ... dankeschön ... dankeschön ... rattern sie wie ein Uhrwerk herunter. Man hat es ihnen so aufgetragen. Immer fein "Dankeschön" sagen, auch wenn es nicht hinpasst, auch wenn es gar keinen Grund gibt "Dankeschön" zu sagen.

Das nächste Wort, welches inflationär gebraucht wurde, ist "Entschuldigung". Man entschuldigt sich unendlich oft und für Sachen, die sie nicht einmal selbst beeinflussen können. Das Trinkröhrchen ist kaputt. Man sieht es von außen nicht: Entschuldigung ... Entschuldigung ... Entschuldigung ... Ich schreibe das nicht nur so zum Spaß dreimal hin, nein, es wurde sich noch mehr für diesen simplen Umstand entschuldigt. Man entschuldigt sich für alles und nichts und mir kam es so vor, als ob man sich entschuldige, dass man überhaupt da sei.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Wir fahren durch die Slowakei, durch Ungarn, die Donau aufwärts.

... dort sieht es aber schön aufgeräumt und ordentlich aus ...

Es war ein zugepflastertes Uferstück. Die Donau kann dort ihren Kanalcharakter nicht verbergen.

Es gibt aber auch andere Stellen - den Nationalpark, wo man der Donau Freiraum gegönnt hat. Dort kann sie Auen bilden. Dort herrscht die Natur.

... also die sollten doch mal aufräumen. Die Stämme die da so herumliegen ... und sieh mal an ... die Bäume dort ... beim nächsten Hochwasser fallen die ins Wasser hinein ... das sieht aber unordentlich aus ...

Die Arbeitskräfte, die uns auf den Schiff versorgen, die stillen Helferlein im Hintergrund, sie arbeiten für etwas mehr als deutsches Hartz 4 + freie Kost und Logie auf dem Schiff. Sie arbeiten 7 Monate und dann sind sie arbeitslos. Wenn sie nicht parieren, dann sind sie draußen. Für rumänische Verhältnisse sind sie gute Verdiener.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

In Esztergom kommen uns Romas entgegen und wollen Hüte verkaufen. Was sagte unsere ungarische Reiseleiterin in Budapest? Die Romas haben eine schwierige Zeit. 

Schwierige Zeit? Eine etwas verniedlichende Bezeichnung für Rassismus. In Ungarn herrscht Rassismus gegen Juden und Romas. Und das ist nicht nur eine "schwierige Zeit". 

Die Romas wollen ihre Hüte los bekommen.

Wir Germanen, nix Zigeuner ...

Die Germanen des 3. Reiches hätten unseren Supergermanen aus der Reisegruppe kaum leben gelassen mit seiner schwerwiegenden körperlichen Behinderung. 

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

In der Nähe von Esztergom habe die Grünen durchgesetzt, dass das Flussufer von Beton befreit und begrünt wurde, nicht gerade zur Freude unserer ungarischen Reiseleiterin.

... die Grünen ... immer die Grünen ... die sind der Untergang auch von Deutschland ...

Bei einigen Mitreisenden eine verständliche Reaktion. Schließlich war man froh, dass im Dorf Bäume (Pappeln) gefällt worden sind. Die haben immer soviel Samen"schnee" ins Zimmer geweht. Das muss man denn nun wirklich nicht haben. Endlich sind die Bäume weg und die Welt der Eigenheimbesitzer wieder in Ordnung. In Ordnung - im wahrsten Sinne des Wortes.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Das Zimmermädchen machte mir immer ein schlechtes Gewissen. Sie räumt so ordentlich auf, dass ich mich hinterher schämte, dass ich die Decke oder das Tuch einfach so hingelegt hatte. Hinterher schaute eine andere Dame nach, ob auch alles schön zurechtgelegt wurde, schön drapiert, schön alles Ecke auf Ecke, ebenso mein einfach so nicht auf Ecke gelegtes Tuch.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Man konnte sehen, wenn man denn sehen wollte.

Das Schiff war in Kasten eingeteilt. Hier das nautische Personal, dort das andere Schiffspersonal und das war auch eingeteilt in diejenigen, die Kontakt mit den Reisenden haben durften und die, die die Drecksarbeit gemacht haben. Das Zimmermädchen z.B. sprach kaum ein Wort deutsch und hatte immerzu einen ängstlichen Blick, wenn ich zufällig dazu kam, wenn sie ihre Arbeit erledigte.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Man konnte sehen, wenn man denn sehen wollte.

In der Slowakei herrscht Armut. Die Slowakei wurde - wie die DDR auch - deindustrialisiert. Sie haben ein großes Autowerk, worauf der slowakische Stadtführer stolz war. Stolz? Es ist kein eigenes Autowerk. Es ist ein Lohnsenkungskampfwerk für die Autowerke z.B. in Deutschland. Wenn die Arbeiter in Deutschland nicht spuren und keine Lohnsenkungen in Kauf nehmen, wird eben das slowakische Autowerk mit einem neuen Modell beglückt. Die Slowakei ist die verlängerte Werkbanks großer Konzerne. Hauptsache Profit! Und das nicht etwa einfach so, sondern so richtig klotzig. Viele Häuser sind immer noch verwahrlost. Leider. Das war einer der Fehler des sozialistischen Lagers, seine Bausubstanz verkommen zu lassen. Aber Investoren wollen nicht kommen. Man ersehnt sie, obwohl man nicht weiß, was dann erst losgeht. Investoren sind selten ein Segen.

Was ist besser Sozialismus oder Kapitalismus ..., fragt man uns von nautischer Seite her. Der slowakische Schiffskapitän gewinnt dem Kapitalismus keinen guten Faden ab. Seinen Betrieb gibt es nicht mehr, sein betriebliches Ferienheim hat sich auch ein Reicher unter den Nagel gerissen, er wurde verarmt, obwohl er noch "Glück" hat als Kapitän ein Schiff einer deutschen Reederei führen zu dürfen. Es ist ein schaales Glück. 

Abends als wir an Bratislava dann vorbeischippern, ist das historische Bratislava so gut wie dunkel, kaum ein Licht leuchtet zu uns herüber.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Auch in Budapest sieht man, dass die Armut Einzug gehalten hat. Unsere Reiseführerin ist sehr vorsichtig und erzählt nichts. Aber man kann sehen, wenn man denn sehen will. Jugendstilhäuser dem Verfall preisgegeben. Immobilienverkaufsschilder aller Orten. Mehrere Autowerke gibt es in der Gegend. Ebenfalls verlängerte Werkbänke großer Konzerne. Wie es den Autowerkern geht? Ich weiß es nicht. Die Krise scheint bei unserer Reiseführerin nicht angekommen zu sein. Auch sie ist stolz auf die Autowerke, die nicht die ihren sind, die vom Wohl und Wehe einiger weniger reicher Familien abhängig sind, die in Deutschland oder Frankreich leben. Alte Menschen verkaufen Handarbeiten, still und verschämt. Man sieht es ihnen an, dass sie es nicht gewohnt sind, hausieren zu gehen. Und es waren die eigenen Handarbeiten, da sie nicht so aussahen, wie die an den Ständen zu erwerbenden. Es gibt auch Proteste vor dem Hauptquartier einer Regierungspartei in Budapest. Ein Einzelfall? Oder wird viel protestiert gegen die Verhältnisse?

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein
  

Wer der Reeder des Schiffes ist, ist nicht zu ermitteln. Der Name der Gesellschaft hört sich wie eine Finanzinvestgesellschaft an. Ich habe auch verschiedene Firmen unter diesem Namen gefunden, die als Gruppe alle zusammengehören könnten.

Ich habe den Eindruck bekommen, dass die Reederei vor allem - wem wundert es? - Profit machen will. Man schraubt den Reisepreis ins höhere, mittlere Preissegment hoch. Das Essen wird mit billigst Einsatz zusammengeschustert. Das Personal holt man aus Rumänien, macht es sich mit Strafandrohungen gefügig und bezahlt es billigst. Am Schluss wird erwartet - und das wird auch so gesagt - dass der Gast noch einen hohen Trinkgeldbetrag hinterlegt. Der Betrag wird vorgeschrieben. Das heißt also, dass die Angestellten einen Lohn abzüglich des vorgeschriebenen Trinkgeldes erhalten. Das heißt aber ebenso, dass die Gäste das Personal zweimal bezahlen: 1. durch den Reisepreis und 2. durch das vorgeschriebene Trinkgeld (soweit es denn von den Gästen auch wirklich entrichtet wurde) und 3. heißt das auch, dass den Angestellten einen Teil ihres Lohnes vorenthalten wird. Man sagt dazu: Um sie zu guten Leistungen anzuspornen.  Eine perfide Ausdrucksweise.

Und dann die Hände zum Himmel
Komm lasst uns fröhlich sein

Fröhlich sein! Da muss man aber schon ganz schön hartgesotten sein oder es ist einen ganz egal, wer für sein "fröhlich sein" bluten muss.

Den Omas und Opas auf dieser Reise war es egal, Hauptsache "fröhlich sein" und in die "Händeklatschen". Es ist auch ihr Recht fröhlich zu sein. Nur, sollte man seine Umwelt zwischenzeitlich ausblenden? Sollte man zwischen "Händeklatschen" und "fröhlich sein" nicht auch mal einen kleinen Gedanken darüber verschwenden, wie es unseren Nachbarn geht?

Sie fuhren in der Deutschlandblase, beseelt davon, auf der richtigen Seite zu stehen. Sich immer wieder zu versichern, dass unsere Frau Merkel die beste für uns wäre und dass den Ausländern nicht zu trauen sei und vor allem den Romas nicht. Man weiß ja nie? Immerhin sehen sie nicht so aus wie wir. Und wir sind eben die Germanen vom Dienst, nix Ausländer. 

Die Omas und Opas auf der Reise waren das lebendig gewordene Sinnbild von Sarazzin und Co.

Eine Änderung der Verhältnisse? Nein, die sind nicht in Sicht! Lieschen Müller und Hans Jedermann sind glücklich in diesem Land, so wie es ist.
 



  



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich, dass du kommentierst. Nur beachte bitte:

Kommentare, die rassistisch sind, Hetze gegen bestimmte Personengruppen verbreiten und im Gossenjargon angefertigt werden, sind Spam und werden von mir nicht veröffentlicht. Außerdem mache ich bei unsachlichen und nicht zur Sache gehörenden Kommentaren sowie doofem Gelabere von Trollen von meinem Hausrecht gebrauch.