Sonntag, 2. Juni 2013

Ich - das Ersatzteillager

Gestern, am Sonnabend, dem 1. Juni, war der "Tag der Organspende". Prominente haben für einen Organspendeausweis geworben. Mir ist es übrigens ganz egal, was sogenannte V.I.P.s machen oder nicht machen. Ich brauche keine Vorkauer, und mögen sie noch so bekannt sein, um mir eigene Gedanken zu machen. Warum sollte ich etwas tun, was mir z.B. ein ehemaliger Gewichtheber gegen Geld empfiehlt?

"Untermalt" wurde der Appell zur Organspende noch mit einem Mann mittleren Alters, der unbedingt eine neues Herz benötigt und in einem Transplantationszentrum liegt und wartet. 

Wir könnten doch ... Könnten wir?

Herztransplantationen gibt es erst seit Ende der 1960er Jahre. 1967 wurde von Christiaan Banard, bzw. von Hamilton Naki, wie man heute vermutet, implantiert. Der Operierte lebte hinterher noch 3 Wochen. Inzwischen ist die medizinische Forschung vorangeschritten, aber der Eingriff ist und bleibt gefährlich.

Für mich wirft eine Transplation, hier am Herzen, eine ganz andere Frage auf, die hier und heute immer unter den Tisch fällt.

Kommen wir zurück auf Gestern und auf den Patienten mittleren Alters. Mir tut der Mann auch leid, dass sein Herz nicht so funktioniert, wie es funktionieren müsste. Das ist die eine Seite.

Ich will aber von der anderen Seite, der vernachlässigten sprechen. An uns wird appelliert, unsere Organe zur Transplantation frei zu geben.

Der Patient gestern, sprach nichts von Dankbarkeit. Er sprach nichts über seine Skrupel, die er vielleicht hat, auf den Tod eines anderen Menschen warten zu müssen. Hat er Skrupel? Hat er keine? ist er nur auf sein Leben fixiert? Ist ihm der andere Mensch, der erst einmal sterben muss, egal? Was fühlt er? 

WAS FÜHLT MENSCH, WENN ER DEN TOD EINES ANDEREN MENSCHEN HERBEI SEHNT, UM ZU ÜBERLEBEN?

Und um nichts anderes geht es bei der Organspende.

Hat überhaupt jemand gestern darüber gesprochen, dass die meisten Organverpflanzungen auf den Tod von Menschen basieren? Du stirbst, dass ich überleben kann?

Sollte nicht vor allem über die ethischen Probleme erst einmal gesprochen werden. Über den Tod. Über das Sterben. Über die Humanität des Sterbens. Über Solidarität in der Gesellschaft.

Und ja, auch Solidarität ist dabei ein wichtiges Thema. Solidarität ein altmodisch gewordenes Wort in einer Gesellschaft, die zuerst einmal auf volle Eigenverantwortung setzt.

DU bist schuld, wenn du arbeitslos wirst.
DU bist schuld, wenn du krank wirst.
DU bist schuld ... DU bist schuld ...

Warum hast DU nicht Verantwortung für dich selbst übernommen. 

Werbespots greifen dieses ICH-Gefühl auf, z.B. die Postbank. ICH ... ICH ... ICH ... 

Hören wir nicht immer öfter die Worte: Ich brauche das nicht, warum soll ich mit meinen Beiträgen dafür aufkommen, dass andere das nutzen können? 

Auch hier greifen Werbespots diese Egoismen auf, z.B. Fonic. 

Wir missgönnen dem arbeitslosen Nachbarn das Minigeld, was er zum Fast-nicht-überleben erhält unter dem Motto: Wir strampeln uns im Schweiße unseres Angesichts ab, damit der faul herumlungern kann. 

Wir missgönnen den bei uns Asylsuchenden, egal ob wegen politischer Verfolgung oder wegen Hungers, jeden Cent. 

Wir missgönnen den deutschen Türken, Russen, Vietnamesen und, und, und ... ihr Auskommen hier, weil sie andere Vorstellungen vom Leben haben, als viele von uns.

Wir werden eingeteilt in nützliches Leben und unnützes. Langzeitarbeitslose sind unnütz. Also müssen sie dafür bestraft werden, wenn sie nicht das machen, was irgend ein Sachbearbeiter, der nicht immer das Gesetz dafür im Rücken hat, meint. Man straft sie bis zum Energieentzug und Essensentzug. Auch Lebensmittelkarten sind eine Kann-Bestimmung, die erst durch einen Antrag erstritten werden müssen. Man will Langzeitarbeitslose psychisch brechen. 

Unser Leben wird ökonomisiert. Wir müssen für die Märkte flexibel sein, heißt es. Jede Minute, die wir faul herumhängen, wird uns um die Ohren geschlagen: Zeit ist Geld. Ist sie das wirklich? Sind Zeit und Geld wirklich miteinander verbunden, auf Gedeih und Verderb? Oder wird dieser Zusammenhang nur konstruiert, damit gewisse Herrschende sich den Menschen damit untertan machen können? Und warum nehmen wir diesen dummen Spruch auf und verinnerlichen ihn oft?

Was hat Organspende damit zu tun?

Organspende ist etwas zutiefst Solidarisches. Organspende baut darauf auf, dass ich meine Mitmenschen achte, eigentlich. Und derjenige, der die Spende erhält, muss sich der Tatsache stellen, dass ein Mensch sterben musste, damit er leben kann. Das ist sehr intim, sehr leise ... Nichts für unsere laute Welt. 

Die schreit Gedanken heraus, die es Menschen, die H4 erhalten, erlaubt werden sollte, Organe gegen Geld zu spenden. Menschen in Entwicklungsländern fragt man erst gar nicht. Oft entnimmt man ihnen einfach die Organe, auch solche, die ihr weiteres Überleben unmöglich machen. 

Organe gegen Geld. Wir lassen uns vielleicht Organe aus kriminellen Handlungen einpflanzen, nur um zu überleben. 

Wir lassen uns vielleicht Organe von Menschen einpflanzen, die aus Hunger sich von einem ihrer Organe trennen müssen/wollen, um überleben zu können, sie oder ihre Familien. 

Wir lassen uns ein Organ vielleicht einpflanzen, von dem jungen Motorradfahrer, der übermütig die Straße entlanggerast ist. Sorry, Kollateralschaden, hätte er doch aufgepasst. 

Was hatte der Hungrige, der organisch Ausgeplünderte oder der übermütige Motoradfahrer noch vor in seinem Leben? Hatte er eine liebevolle Familie? Kinder? Brüder? Schwestern? Was aß er am liebsten? Oder hatte er tagelang nichts zum Beißen?

Wer macht sich darüber schon Gedanken? Gestern habe ich nichts darüber gehört.

Die Werbung für einen Organspendeausweis klammert das alles aus. Sie klammert aus, dass Institutionen schwer Geld mit unserem Herzen verdienen, unserer Leber, unseren Augenhornhäuten. Alles wird verbrämt durch humanistisches Gebrabbel. Interessieren sich die Institute überhaupt für Humanität? Mit ihr ist kein Geld zu verdienen.

Wieso sollte ich ein Ersatzteillager sein? So unter dem Motto: Zu etwas nütze sollte die Leiche doch noch sein. Warum unnütz ein Herz, eine Leber, eine Augenhornhaut vergammeln zu lassen, wo wir doch so viel Gutes damit tun könnten. 

Ist die Zeit reif dafür? Meines Erachtens nicht. 

Sie wird erst reif dafür sein, wenn der Mensch seinen Mitmenschen beginnt, zu achten mit all seinen Fehlern, Schwächen und Unmöglichkeiten.

Sie wird erst reif dafür sein, wenn der Mensch nicht auf seinen Mitmenschen voller Verachtung blickt und ihm nicht das Gelbe vom Ei gönnt.

Sie wird erst reif dafür sein, wenn der Mensch solidarisch wird und seine immer größer werdenden Egoismen weg legt und sich als Gruppe versteht, die nur in der Gemeinschaft überleben kann.

Sie wird erst reif dafür sein, wenn nicht Geld der oberste Maßstab aller Dinge sein wird.

Organspende ist Solidarität. Organspende ist intim und leise. Nichts für hier und heute, im Zeitalter des alles-ökonomisieren-Müssens. 

Mein Herz darf kein Wirtschaftsgut für die einen sein und auch kein einfach so hingenommes Objekt für andere. Das Herz schlug in einem Menschen, der starb. Es war ein lebendiger Mensch mit Wünschen an ein weiteres Leben. Das fehlte mir gestern, das Mitgefühl mit den "Spendern". Sie sollten im Mittelpunkt stehen und nicht die Verwertbarkeit des Menschen nach seinem Tod.







Kommentare:

  1. Dieses Thema ist vor allem keines, bei dem man derart massiv auf sämtliche Tränendrüsen drücken sollte. Nüchtern betrachtet ist die Organtransplantation vor allem ein Riesengeschäft für die Medizinindustrie mit der Pharmaindustrie an der Spitze.

    Auf der anderen Seite steht oder besser liegt ein Mensch, dessen von der Medizin definierte Hirntod herbeigesehnt wird, eine Defintion, bei dem der Mensch noch lebt, denn Organe lassen sich nur vom lebenden Organismus verwerten.

    Und dann gibt es noch die Seite, über die nicht gesprochen wird: Eine Organtransplantation bedeutet keine Heilung sondern ist nur eine notdürftige Reparatur, die oft genug wiederholt werden muß (die eigentliche Quelle für die Zunahme bei den Transplantationen), wobei der Mensch für den mehr oder weniger großen Rest seines Lebens auf harte Medikamente angewiesen bleibt, die vor allem sein Immunsystem weitgehend ausschalten, damit das Organ nicht abgestoßen wird.

    Nüchtern betrachtet bleibt es aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ein krasses Minusgeschäft, bei dem fast ausschließlich die Medizinindustrie profitiert. Und es ist beileibe kein Einzelfall, wenn Menschen fälschlicherweise - bewußt oder unbewußt - für gehirntot erklärt wurden.

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    1. Stimmt. Das ist auch eine Seite der Medaille.

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    2. Danke, genau so ist es!

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  2. Interessanter Artikel. Allerdings bin auch ich Organspenderin und in der Knochenmarkspendekartei. Ich hatte mich deswegen dazu entschlossen, da ich der Meinung bin, dass ich bei einem vorzeitigen Ableben meine Organe sowieso nicht mehr brauche.

    Aber dafür werben muss man wirklich nicht. Sich für die Organspende zu entscheiden, ist etwas sehr persönliches, mit dem man nicht hausieren geht.

    Ich habe natürlich Bedenken, dass im Falle des Falles (ich wills nicht hoffen - klopf klopf auf Holz) wirklich ungeachtet des Standes, sozialer Herkunft usw. mein "Zeug" wirklich so verwendet wird. Denn es heisst ja immer, dass niemand bevorzugt wird. Allerdings habe ich da wirklich meine Zweifel. Beispiel Larry Hagman - 3 Lebern hat er bekommen und alle 3 niedergesoffen. Roland Kaiser - eine Lunge kaputt gequalmt und eine neue bekommen. Keith Richards lässt sich ein Mal im Jahr in der Schweiz das Blut waschen bzw. tauschen, das Selbe macht auch der milliarden-schwere David Rockefeller. Ich beobachte, dass diese "V.I.P.'s" seltsamer Weise bei irgendwelchen schweren gesundheitlichen Problemen wie die Cyborgs reparierbar sind, während "normale" Menschen allzu oft regelrecht verrecken (müssen).

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    1. In einer inhumanen Welt, wo das Geld angebetet wird, wäre es sehr eigenartig, wenn es auf dem Organmarkt - und man sagt Markt dazu, weil von Humanität weit und breit nichts zu sehen ist - gerecht zugehen würde. Das wäre so, sorry, als wenn es einen Weihnachtsmann geben würde.

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    2. Eben! Man spricht von einem "Markt". Aber es ist nicht nur die Organspende, die fragwürdig geworden ist. Hier lebt ein Mensch, der nichts weiter gelernt hat, mehr oder weniger haust als dass er lebt und er spendet 1 Mal im Monat für 60 Euro Blutplasma. Gefährliche Sache, denn dadurch kann es zu Trombosen und Wasser in der Lunge kommen. Doch was will er machen mit Hartz-IV und Schulden? Ein Markt ist entstanden. Entstanden daraus, dass es vielen mies geht und einige wenige sich es leisten können, diese vielen wie einen Markt zu behandeln. Und je mehr man in der Öffentlichkeit darüber redet, dass niemand bei Organspenden bzw. dem Bekommen bevorzugt wird, tun sich wirklich Zweifel auf.

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    3. Das wirklich Schlimme an der Sache ist, dass wir uns wie Schafe auf die Schlachtbank führen lassen. Hörst du - außer ein paar Unentwegte - Proteste? Geht jemand auf die Straße? Will überhaupt jemand zuhören, wenn man von den Abartigenkeiten hier spricht? Ich habe bisher in meinem Umfeld noch niemanden kennengelernt, der wirklich zuhören will. Ich finde nur immer Menschen, die Merkel lieben, die Verhältnisse noch toll finden, weil man eigentlich alles kaufen kann, wozu man im Prinzip kein Geld hat und es findet niemand etwas dabei, dass man sich selbst immer und überall prostituieren soll. Das endet nicht mal mit dem Tod.

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  3. Organspenden genau wie Brustamputationen (A.Jolie...) nützen & ernähren lediglich die Kliniken und Pharmaunternehmen.

    Der Bespendete bleibt so krank wie vorher, muß sein ganzes restliches Leben Tabletten nehmen mit schwersten Nebenwirkungen und Behinderungen.

    Dem Spender wird lebendig (lediglich hirntod...) unter sehr zweifelhaften Umständen seine Organe entnommen, was er bewiesenermaßen durchaus spürt, um ihn dann auf dem OP-Tisch einsam verrecken zu lassen, schweren seelischen Schaden inklusive.

    Menschlich äußerst grausam für beide Teile und für die Angehörigen. Der Rest reibt sich die Hände und giert nach mehr, ekelhaft.

    Warum kann man nicht einfach sterben, wie bisher auch, wenn man schwer krank ist?

    Oder warum muß man es überhaupt (in seiner UN-Verantwortlichkeit für den eigenen, gesunden Körper) so weit kommen lassen, daß eine Organ-Transplantation nötig ist?

    In der chinesischen Medizin ist schon eine normale OP die allerletzte Wahl in einer Behandlung und deutet auf einen schweres Versäumnis des Arztes hin.

    Eine Organ-Transplantation ist daher ein Eingeständnis von ärztlichem Versagen sondergleichen.

    P.s. Knochenmarksspende würde ich nicht als O.-spende bezeichnen, denn sie baut auf und ersetzt nicht.

    Gruß und Dank für den Artikel!

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  4. hut ab, geiler artikel!

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