Freitag, 19. Juli 2013

Ich habe doch nichts zu verbergen ...

... hört man viele Menschen sagen. Und sehr viele interessieren sich nicht wirklich für das größte Spähprogramm heutzutage. Und berechtigt das irgend jemanden dazu die "Nichts-zu-verbergen-Inhalte" zu lesen?

Haben wir wirklich nichts zu verbergen? Jeder hat Geheimnisse.

Tante Lore freut sich am Telefon, dass Tante Lisa zu Besuch kommt. Dann erzählt sie Onkel Otto, dass sie es satt hat, dass Tante Lisa zu ihr käme. Würde sie wollen, dass das jemand anderes auch erfährt?

Frau X tauscht einen zärtlichen Kuss mit Herrn Y hinter dem Rücken von Herr Z aus. Ihren besten Freundinnen schreibt sie das ganz privat in einer eMail. Soll das jemand anders auch erfahren? Wäre das Frau X recht?

Irgend ein Anrufer hat mich fälschlicherweise am Telefon kontaktiert, hat sich verwählt. Ein paar nette Worte, Entschuldigung, Ach nicht so schlimm ... Ist das alles? In der Regel ja. Aber! ... Der Anrufer könnte von einem Anrufer angerufen worden sein, der von einem Anrufer angerufen wurde, der wiederum von einem anderen Anrufer angerufen wurde, der auch von jemanden angerufen wurde und so weiter und so fort. Was mache ich wenn Anrufer Nr. 10.000 ein Verdächtiger war? Ich kenne Anrufer 10.000 nicht, aber die NSA respektive der BND kennt ihn. Die Mühlen beginnen zu mahlen und ich kann nichts daran ändern, weil ich es nicht weiß ... Mein Unterstes wird zu Oberst gekehrt. Irgendwo hat wohl mal jeder gelogen, vielleicht seinen Sohn/seiner Tochter die Kuliminen von Arbeit mitgebracht (auch das ist Diebstahl), vielleicht hat man mal irgendwo, irgend etwas unpassendes gesagt, in seinem Blog, seinem Facebook- oder Twitteraccount über Bomben gesprochen. Dabei könnte es ebenso gut die Arschbombe gewesen sein. Oder jemand arbeitet in einer Düngemittelfabrik ... Alles Gründe das Leben von unten nach oben zu kehren.

Haben wir wirklich nichts zu verbergen?

Eigentlich nicht. Nur, wer möchte schon, dass all seine kleinen Notlügen, seine kleinen Fehler, seine großen Fehler, seine Unzulänglichkeiten an's Licht fremder Leute gezerrt wird. Wer will das? Nicht für umsonst gilt der Schutz der Privatsphäre - und die persönlichen Daten sind Privatsphäre. Nicht für umsonst gibt es bei starken Verdacht eine richterliche Anordnung, die es erst dann erlauben in seinem Innersten herumstöbern zu können.

Auch wenn wir nichts zu verbergen haben - unsere Privatsphäre ist uns heilig. Niemand hat das Recht all unseren Mist, den wir fabrizieren, all unsere Schönfärberei, unsere Mießmacherei, unsere Proteste, unsere Anpassungskotaus mitzulesen. Niemand!

Der Grundsatz des Rechtsstaates ist - dass man nicht pauschal als Verbrecher hingestellt werden kann, sondern dass man einem die "Missetat" nachweisen muss.

Wenn alle alles mitlesen wird dieser Grundsatz ausgeschaltet. Denn wenn alle alles mitlesen sagt mir das: Du tust nur so, als ob du nichts zu verbergen hättest. Das ist höchst verdächtig. Wenn wir graben, werden wir finden und mag es noch so tief versteckt sein.

Haben wir nun wirklich nichts zu verbergen? Jeder sollte sich darüber Gedanken machen. Wir lesen ja auch Nachbars Briefe nicht mit oder die Ansichtskarten aus dem Urlaub, die dem Nachbarn geschickt werden. 

Jeder hat seine kleinen Alltäglichkeiten zu verbergen. Die gehen niemanden etwas an. Schon gar nicht der NSA oder dem BND.

 

  

Kommentare:

  1. Tippfehler oder Freudscher Verschreiber: Die NSU heißt eigentlich NSA - ist aber im Resultat das Gleiche. Nazis.

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  2. :D Danke Frank, sie ähneln sich wirklich, ist aber Schreibfehler.

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  3. Das Argument "ich habe nichts zu verbergen" steht für: Ist mir egal/geht mich nichts an usw. ....
    Im Grunde ist es ein Verhalten der Verdrängung, das die meisten Menschen meisterhaft beherrschen. Die Augen verschließen, dann kann auch nichts passieren. Dazu kommen die verlogenen Statements aus allen Richtungen, und schon sehen wir die Realität als halb so schlimm an. Schließlich leben wir in einem Rechtstaat ... der wacht schon über uns. Was dabei vergessen wird: keine Kommunikation ist mehr sicher, was uns ja auch durch die Blume mitgeteilt wird. Die ganze Aufregung unserer Politiker ist nur ein Kasperltheater ... "gut gebrüllt, ihr Löwen".

    Rege ich mich auf? Ja, ich rege mich auf, weil ich zu einer Liste von Daten mutiere.

    Der beste Weg ist wohl, die ganze Bande dermaßen zu verarschen, dass die Server rauchen. Volle Kanne zumöbeln ... :-)

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  4. Wehret den Anfängen!

    Es geht nicht so sehr um die kleinen Geheimnisse. Aber wenn die Proteste im Lande eskalieren, dann wird man wieder vorsorglich ein paar Leute in einer "Gemeinschaftsunterkunft" konzentrieren. Wer das sein wird, lässt sich hervorragend aus den Daten filtern. Die Suchabfragen sind fix geändert. Niemand wird/kann das kontrollieren. Wahrscheinlich gibt es die Listen mit Namen schon längst. Warten wir mal ab, was der Snowden noch so bringt.
    Jetzt denkt mancher, es ist nur eine Verschwörungstheorie. Zur Erinnerung: Die türkische Polizei hat NACH den Demonstrationen im Lande gezielt Leute verhaftet, die über Twitter zu den Aktionen aufgerufen haben!
    Was hier getrieben wird, können sich die meisten in ihren schlimmsten Albträumen nicht ausmahlen. Über diese Systeme kann man auch gezielt Stimmung machen und Meinungen massiv beeinflussen. Die "sozialen" Netzwerke sind eine fantastische Möglichkeit für den Staat, jeden Wiederstand im Keim zu ersticken oder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Vom Erpressungspotential will ich noch gar nicht reden.
    Die herrschenden 1 Prozent haben erkannt, wenn sie den 99 Prozent noch mehr die Taschen leeren wollen, wird das früher oder später zu Unruhe führen. Das aber darf auf keinen Fall öffentlich werden. Darum wird gelogen, dass sich die Balken biegen.
    Die Maske von Demokratie und Freiheit verrutscht jeden Tag ein bischen mehr.

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  5. @frei-blog: Besser sich aufregen, als alles an einem abgleiten lassen.

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  6. @anonym: Du hast sehr wohl Recht. Aber mit den kleinen Geheimnissen fängt es an. Lieschen Müller wird i.d.R. wohl nicht zu den "Aufrührern" gehören, aber Lieschen Müller muss klar gemacht werden, dass es sie sehr wohl etwas angeht. Das auch sie ausspioniert wird und dass ihre kleinen Geheimnisse jemand mitliest. Sie muss wissen, dass sie unschuldig irgendwo in eine Situation kommen kann, die sie nicht mehr beherrscht. Man wird die breite Masse nicht hinter den Ofen hervorlocken können, in dem man von Lagern berichtet, die dann kommen werden. Die breite Masse wird meinen, dass sie das absolut nichts angeht. Aber bei Klein-Klein fängt es an und diese Anfangsschwelle muss aufgezeigt werden.

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