Mittwoch, 31. Juli 2013

Ich will es nicht mehr hören oder lesen ...

... weil mir tagtäglich der Kamm schwillt, wenn ich diesen Schwachsinn mir antun soll. 

Schwachsinn!

Und schon wieder ist unsere Kauflaune suuuuuper. Ich kann gar nicht soviel "super" schreiben, wie sie sein soll. 

Und wieder sind wir Deutschen die Schönsten und die Besten. 

Und schon wieder sind wir satt und zufrieden. 

Und schon wieder haben wir ein Wirtschaftswunder.

Und schon wieder erfinden wir Deutschen uns selbst. Ich weiß zwar nicht, wie sich jemand neu erfinden und wie das überhaupt gehen soll, aber Sprache ist geduldig.

Ich habe heute nur den ersten Abschnitt von der "Zeit" gelesen. Ich habe heute nur die ersten Sätze der Nachrichten gehört. Ich kann nicht weiter lesen, hören. Irgendwann ist die Grenze erreicht.

Alle Deutschen wären satt und zufrieden. Okay, wenn sie Piech heißen oder Mohn oder Springer ... Obwohl, das weiß man nie. Wer hat, will immer noch mehr und mehr und mehr ... 

Heute ist der 31. Juli. Heute gibt es Rente und Sozialhilfe (ich mag die nicht anders nennen, weil sie keine Versicherungsleistung mehr ist). 

Heute stehen Schlangen an den Auszahlautomaten der Sparkassen und der Postbanken. Gestern wurde noch mit Karte bezahlt, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Abbuchungen erst heute wirksam werden.

Gestern war Leere in den Läden. Heute ist es nicht voller, außer dort, wo man Lebensmittel kaufen kann. Heute deckt man sich wieder mit Käse, Gemüse, Obst und Wurst ein. Heute kann wieder "geschlemmt" werden, soweit man davon überhaupt noch sprechen kann.  Heute steht eine Schlange vor der Fleischertheke der privaten Fleischer. Heute ist auch eine Schlange an der Bäckereitheke.

Alle Menschen sind satt und zufrieden. Alle. 

Heute vielleicht und morgen noch. In 3 Wochen ist Schluss damit. Da wird durch die Läden gebummelt, mal dies und das angefasst, wieder weggelegt. Die Bäckereitheke ist nicht mehr so gefragt, der private Fleischer auch nicht. Er ist schließlich nicht ganz billig. Die Supermärkte sind es eher, vor allem wenn man nur Sonderangebote einkauft, einkaufen kann. 

Sind wir trotzdem noch alle zufrieden?

Ist es nicht eher so, dass sehr viele Menschen in die Apathie gefallen sind? Sie haben sich mit dem Wenigen arrangiert, was für sie noch übrig bleibt. Hört man nicht überall "Was können wir schon dagegen tun?" Ist der breite Ruf nach Gerechtigkeit nicht der Ausdruck dessen, dass die Menschen NICHT mit ihrem Leben zufrieden sind?

Schwillt einen nicht der Kamm, wenn ein Maiziere faul vor sich hin onaniert und nur touristische Reisen unternimmt? Wenn er arbeiten würde, hätte er gewusst, dass der EuroHawk nicht funktioniert und er hätte Schaden von Deutschland abgewendet. Ja, wenn er eben nicht zu faul zum Arbeiten gewesen wäre. Er steckt unser Geld ein und nicht zu knapp. Er muss sich nicht darum scheren, ob der Monat mal wieder zu viele Tage hat, wenn er in seine Geldbörse schaut. Die haben wir ihn prall gefüllt.

Müssen wir Geld für Kriegsgerät ausgeben? Für irgendwelche Protzbauten? Wo wir von Anfang an wissen, dass wir belogen und betrogen werden? Es ist unser Geld. Prangern wir immer und überall an, wie dieses Geld veruntreut wird. Auch - wenn das uns heute noch nicht viel hilft. Alles muss einen Anfang haben. 

Ist bei uns alles so toll? Haben wir ein Wirtschaftswunder?

Ich sehe keines. Die Einzelhandelsumsätze sind nicht der Rede wert. Die Autoindustrie hat weniger Gewinne und nicht nur die. Der Absatz ins europäische Ausland ist traurig. Der in andere Regionen auch. Ist auch nicht verwunderlich. China als Ramschkonsumgüterproduzent für Europa ist von den europäischen Käufern abhängig. Kaufen die nichts, wird nichts produziert. Eine einfache Rechnung. Und dort gibt es nun mal nicht so viele reiche Menschen, die Europas Luxusgüter kaufen könnten. Und die kaufen sich auch nicht zig VW's. Der Bedarf ist irgendwann auch bei denen gedeckt.

Genau so sieht es auch bei den anderen Produzenten aus. Auch die Türkei oder Osteuropa hat kaum etwas Eigenständiges an Wirtschaft. Sie sind die Produzenten für uns an den verlängerten Werkbänken der Arbeitsplätze, die es in Deutschland nicht mehr gibt.

Wie toll und zufrieden lebt es sich eigentlich mit einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten? 

Wie toll lebt es sich eigentlich, wenn man als Frau nicht mal 3 Jahre zu Hause bleiben darf, weil einen sonst die Unternehmen nicht mehr wollen.  Das ist keine moderne Familienpolitik, sondern tiefster Neoliberalismus.

Wie toll lebt es sich eigentlich mit zwei oder drei Jobs, die insgesamt vielleicht nicht mal zum leben ausreichen.

Wie zufrieden ist man, wenn man von einem Praktikum zum nächsten ziehen muss ohne berufliche Perspektive? 

Was ist das für ein Mindestlohn, der für ostdeutsche Friseure 6,50 beträgt. Mit dem kann man nicht hier und heute leben. Soll man damit glücklich und zufrieden sein?

Wie zufrieden und toll lebt man, wenn man sich qualifiziert hat und letztendlich in H4 leben muss, um sich dann um die Ohren hauen lassen zu müssen, dass man keine Qualifikationen habe?

Wie toll und zufrieden lebt es sich als unterbeschäftigte oder nicht beschäftigte Fachkraft, wenn man dann tagtäglich zu hören bekommt, dass in Deutschland Fachkräfte fehlen.

Wie zufrieden und toll lebt es sich, wenn man sich zu einer ökonomisierten Person entwickeln soll.

Ist Menschsein nicht etwas völlig anderes?

In einem Vortrag auf "bayern alpha" habe ich einen Doktor sprechen gehört, dem sein Credo war - in meine Worte adaptiert - wenn es einen irgendwo nicht passt, sollte man woanders hingehen und zwar länderübergreifend.

Wohin denn?

Und wieso soll ICH meine Heimat verlassen, nur weil Unternehmen meinen, dass sie nichts mehr hier in Deutschland machen bräuchten. Es ist doch nicht so, dass hier schlecht oder zu teuer gearbeitet werden würde. Es hängt doch vielmehr auch daran, dass Vorstände, Aufsichtsräte und viele andere mit Unsummen durchgefüttert werden müssen. Und mehrere Millionen Euros in einem Unternehmen nur für den Wasserkopf zu erarbeiten, ist nicht so einfach. Die Entlohnung dieses Wasserkopfes ist überproportional gestiegen, weit außerhalb des Produktivitätszuwachses.

Was machen aber viele Menschen? Die bewundern solche Gierschnäbel. Ein großer anderer Teil driftet in eine irreale Welt ab, wo sie Sehnsüchte nach altem Adel pflegen. Diese Sehnsucht nach einem König ist Ausdruck dessen, dass man sich nicht mehr dieser Welt zugehörig fühlt, ob nun bewusst oder unbewusst. 

Schütteln wir nicht manches Mal auch den Kopf über die Eventkultur der Jugendlichen, die anscheinend nur noch feiern wollen? Auch sie suchen sich etwas jenseits dieser realen Welt, wo sie vielfach ausgegrenzt sind, sich kein erfülltes Leben aufbauen können, ob sie es sich eingestehen wollen oder nicht.

Das alles hilft, ob wir das nun wollen oder nicht, denjenigen, die uns ganz unten sehen wollen.

Wichtiger wäre es, sich zu organisieren. Attac, zu untestützen, Blockupy, fortschrittliche Gewerkschafter in ihren Zusammenschlüssen oder andere gesellschaftskritische Organisationen, eventuell auch neue Parteien, sich zu Wort zu melden und dabei zu sehen, dass man mit seinen Ängsten und Sehnsüchten nicht alleine steht.

Wichtig wäre es außerdem Hetzblätter wie z.B. die BILD nicht zu kaufen und im Nachbarn nicht den Konkurrenten, sondern genau das arme Schwein zu sehen, was man selbst ist. Dabei ist es völlig egal, welche Sprache der andere spricht. Er wird dazu benutzt, dich aufzuhetzen, nicht gegen die Urheber der Misere, sondern gegen ihn.  Wenn es auch manches Mal schwer ist, in dem anderen den Mitleidenden zu sehen. Er ist es. Und man kann es lernen, ihn als Mitleidenden zu sehen, wenn man nicht nur seine Schwächen thematisiert.

Wichtig wäre es alternative Strukturen zu bilden. Nur gemeinsam kann man etwas erreichen. Dabei meine ich nicht gemeinsames Gärtnern oder solchen Müll. Das ist ebenso Flucht aus der Wirklichkeit. Das ist so, wie die DDR in ihren Endtagen, als viele sich in Nischen eingerichtet hatten.

Sich politisch neu zu organisieren - das wäre ein Anfang. Und nicht gleich darüber zu motzen, das diejenigen, die Organisationen neu bilden, sich nicht gleich zu allem äußern können, sich erst finden und gemeinsame Standtpunkte erarbeiten müssen.

Es wird sich dadurch nicht heute oder morgen etwas ändern. Der Weg zu einer gerechteren Gesellschaft wird lang und steinig werden, aber begonnen werden muss er.

 

Kommentare:

  1. presselügen und die wirklichkeit:
    Einzelhandelsumsatz im Juni 2013 real um 2,8 % niedriger als im Vorjahresmonat

    von: http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Einzelhandelsumsatz-im-Juni-2013-real-um-2-8-niedriger-als-im-Vorjahresmonat-2575882

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  2. @landbewohner: Es kotzt mich an, immer wieder diesen Müll von Jubelmeldungen zu lesen und zu hören, die uns täglich serviert werden. Bei vielen Menschen bleibt das hängen, wie ich oft festgestellt habe und die glauben den Mist auch noch. Und wenn man dagegen spricht, gucken die einen wie ein Alien an und drehen sich kopfschüttelnd weg. Das nervt.

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  3. Jaja, bin heute auch wieder voll in Kauflaune, meine einhundertachtunddreißig Euros in den nächsten vier Wochen verprassen zu dürfen. Ich sehe mich als Ankurbler unserer Kauflaune, ich weiß nicht wohin mit all meinem Geld, und werde mich wohl morgen selbst anzeigen müssen, weil ich einen Euro in der Blumenvase gebunkert habe ... für Notzeiten.

    Scherz beiseite - irgendwelche Kasperle halten uns nur noch für doof, und andere Kasperle glauben an dieses Schmierentheater, weil es sich so gut anfühlt.

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  4. @frei-blog: Die Kasperle, die dran glauben, sind die schlimmsten. Wahrscheinlich würden viele Lügen nicht funktionieren, wenn es nicht diese Kasperle gäbe. Wenn mir mal einhellig aufstünden und den von uns finanzierten ÖR die Meinung sagen würden, könnte sich vielleicht etwas ändern. Oh ich träume wieder mal :)

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