Mittwoch, 2. Oktober 2013

Etwas fast Heiliges wird morgen zelebriert

Wieder mal ein 3. Oktober. Wieder mal Festreden. Wieder mal Beweihräucherungen. Wieder Menschenmassen, die eventen. Jedes Jahr das gleiche Lied. Jedes Jahr feiert man. Was eigentlich?

Ich habe großes Verständnis für die Familien Piech, Siemens, Burda, Springer, Bosch, Quandt und wie sie alle noch heißen, dass die - zumindest innerlich - am 3. Oktober jubeln. Die haben wirklich etwas zu feiern. Sie haben gesiegt. Als der Sozialismus verschwand, konnten die zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Sie konnten jetzt ihre Krallen ausfahren, die Regierung endgültig vereinnahmen, die Demokratie abschaffen, und auf alle scheißen, die ihre Brötchen in ihren Unternehmen verdienen müssen. Sie hatten es geschafft.

Allen anderen wurden mit Brosamen abgespeist. Nur haben es die wirklich Mächtigen in Deutschland geschafft, die Brosamen so aufzupumpen und mit Glamour zu umgeben, dass Lieschen Müller und Hans Jedermann bis heute glauben, sie hätten das große Los gezogen in diesem besten aller Deutschlande. In diesem Land, was am Ende der Geschichte angekommen sein soll, weil es so großartig wäre. Dass das ein Widerspruch an sich ist, ficht die große Konsumgemeinde nicht an.

Was ist wichtig heute? Man muss dazu gehören. Das richtige Auto fahren, in der richtigen Wohngegend wohnen, bekennender Vegetarier sein und deutsch sprechen, ein iPhone besitzen. Alle anderen sind bäh.

Wichtig ist weiterhin, auf diejenigen herabzuschauen, die da nicht mithalten können. Die sind eben Asche. So einfach kann das Leben sein.

Man muss sich nicht mehr selbst um die täglichen Dinge kümmern wollen. Mehr als 140 Zeichen zu lesen, ist viel zu anstrengend. Dann vielleicht noch den Kopf einschalten und denken ... Wer macht das denn heutzutage gern. 

Wenn die breite Masse dies machen würde, könnte sie bemerkten, dass die Raute nichts mit ihnen am Hut hat. Die fühlt sich bei Friede Springer besser aufgehoben. Aber, das muss man ja nicht merken. Es ist so wohlig sich bei Mutti auszuruhen. Die wird's schon richten. 

Komischerweise lässt man das seiner eigenen Mutter nicht durchgehen. Da rebelliert man, wenn das Taschengeld nicht stimmt, wenn man bespitzelt wird, wenn man bevormundet wird. 

Ist schon eigenartig, wie wir das Denken anderen überlassen, wenn wir aus der Haustür treten. Dass die, die für uns denken wollen, uns nicht wohlwollend gegenüberstehen, muss man halt verdrängen. Ist viel zu anstrengend, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Gestern habe ich im Vallisblog ein tolles Bild gesehen. Das menschliche Gehirn aus Pasta geformt - aus kleinen Nudelhörnchen. Das nenne ich genial, das erklärt sehr viel, was für mich oft unerklärbar ist.

Wer versucht zu denken, dem würden dann vielleicht auch die Widersprüchlichkeit zwischen den Jubelmeldungen der Medien auffallen, dass wir arbeitsplatzmäßig so toll sind und dass die Sozialausgaben der Kommunen steigen. Na, was denn nun? Beides geht nicht so recht zusammen. Wenn wir alle gute Arbeitsplätze haben und angeblich immer mehr verdienen sowie nicht um unseren Arbeitsplatz bangen müssen, dann würden die Sozialausgaben der Kommunen zumindest nicht steigen. 

Dazu passen auch nicht die Zahlen, die uns verklickert werden, wo man von einer Arbeitslosenquote von nicht mal 7% spricht zu den Meldungen, die uns tagtäglich um die Ohren gehauen werden, dass die Unternehmen xyz Arbeitsplätze en masse abbauen. Na, wie denn nun? Entweder müssen wir keine Arbeitsplatzängste haben oder es werden Arbeitsplätze abgebaut. Entweder oder. Ein Zwischending gibt es nur sehr begrenzt. 

Was ist wichtig geworden in diesem Land? Der schöne Schein. Bewerbungen für Ausbildungsplätze müssen pfiffig sein, schön gestylt, etwas Besonderes. Darauf käme es an, wie die Ratgeber verklickern. Ach so, Hauptsache schön. Begabungen - war gestern.

Bezeichnender Weise habe ich heute in den Nachrichten folgendes gesehen: Die neue Kleidung für die olympischen Winterspiele wurde vorgeführt. Eine Sportlerin schwärmte davon, dass die so toll aussehen würde und das man damit auffallen würde. Und jetzt kommt es: Darauf käme es doch wohl heutzutage an. Ach ja? Wirklich? Ich dachte immer, man solle durch seine sportlichen Leistungen auffallen. Was bin ich doch von gestern. Ein kommunistisches Überbleibsel.

Wenn die Menschen wollten, könnten sie auch den Widerspruch zwischen der einen Aussage bemerken, dass wir keine Steuererhöhungen für sehr Reiche benötigen, weil wir Steuereinnahmen auf Rekordhöhe hätten und der anderen, dass die Infrastruktur verrottet ist, dass viele Städte - ob nun in Ost oder West - eigentlich Pleite sind. Also wie nun? Das eine beißt sich gewaltig mit dem anderen!

Wie bekomme ich nun die Kurve zum Jubelfest? Ganz einfach. Das alles wird von den meisten Menschen bejubelt. Viele Ostdeutsche freuen sich. Sie haben Bananen gewollt und Bananen erhalten. Nicht mehr und nicht weniger. So einfach kann man Menschen glücklich machen. 

Dass sie nur auf einen durchschnittlichen Bruttolohn von 60 % West kommen. Egal! Schließlich haben sie jetzt Bananen.

Dass die Renten zwischen West und Ost immer noch nicht angeglichen sind. Egal! Schließlich habe sie jetzt Bananen.

Dass die Tarifverträge immer noch zwischen Ost und West unterscheiden. Na und! Sie haben schließlich ...

Also jubeln wir! Wir alle! Der Anschluss der mitteldeutschen Gebiete an das Westterritorium von Deutschland hat das alles erst möglich gemacht. Nur deshalb kann es eine ausufernde Armut in Deutschland geben. Nur deshalb kann es eine Arbeitspflicht geben. Nur deshalb konnte ein Müntefering sagen, dass der nichts essen dürfe, der nicht arbeiten würde. 

Übrigens, den Rest - also die damaligen ostdeutschen Gebiete - werden wir uns noch von den Staaten zurückkaufen. Schließlich sind wir wer. Die Besten in Europa sowieso.

Ohne Wiedervereinigung, wäre das Schlachtfest, dass die Unternehmen und die wirklich Mächtigen in Deutschland gegenüber den ganz normalen Menschen inszenieren, nicht möglich gewesen. Dazumal musste man noch Rücksichten nehmen. Zeigen, dass man allemal besser ist, als diese roten Brüder und Schwestern in der sogenannten DDR.

Heute? Ach das ist alles Schnee von gestern. Sozialsystem? Die wirklich Mächtigen in Deutschland benötigen die nicht. 

Und die Normalos? Die träumen vor sich hin, und über die Hälfte der Deutschen bemerken nicht, dass sie nur noch Verhandlungsmasse sind, die nichts mehr zu melden haben. 

Wenn das kein Grund zum Feiern ist? Oder? Endlich ist das Denken, die Demokratie, der Sozialstaat so gut wie abgeschafft worden und wir feiern nur noch um des Feierns willen. Welch ein Fortschritt!

Und den meisten Ostdeutschen hat man auch das Vergleichen mit damals abgewöhnt. Nur um dazuzugehören, jammern viele Ostdeutsche, die in Positionen gearbeitet haben, die nun wirklich nichts auszustehen hatten, wie schlecht es ihnen gegangen wäre. Damals. Als sie - wie man dann irgendwie noch dazu setzen muss - nur in den Kaukasus fahren durften. (Für diejenigen, die sich nicht auskennen: Es durften nur begrenzt Bürger der DDR in den Kaukasus fahren, meist nur diejenigen, die sich zu 100% hinter den Staat gestellt hatten.) Da kommen mir immer die Tränen. 

Wieviel besser geht es doch heute den Ostdeutschen. Immerhin konnten Tausende von ihnen seit der Wiedervereinigung sich von einer Arbeitsamtsmaßnahme zur nächsten hangeln, um dann in der spätrömischen Dekadenz von Hartz IV landen zu dürfen. Sie können vor allem auch den Grünen dankbar sein. Seid die den Flaschenpfand durchdrückten, dürfen Menschen Flaschen sammeln, um ihre unverhältnismäßig hohen Einnahmen nochmals aufbessern zu können. Welch ein Fortschritt. Einnahmen ohne Anstrengungen und früh keinen Wecker mehr. Wenn das kein Grund zum feiern ist? Wie wurde man dagegen im Sozialismus ausgebeutet. Jeder musste zur Arbeit und das 8,75 Stunden täglich von Montag bis Freitag.

Also, lasst uns den Fortschritt feiern! Es lebe der 3. Oktober. Hoch! Hoch! Hoch!








Kommentare:

  1. sehr böse und sehr treffend.Nur vergaßen Sie den gudden Gaffe und die scöne Schoggoladde.
    übrigens - ich war nicht staatsnah und trotzdem im Kaukasus - sogar mit dem Auto. Alle zur Gruppe gehörenden waren nicht in der SED, hatten aber alle einen Beruf. Vom Arbeiter am Hochofen bis Dr. und Apotheker.
    und -der hatte das älteste Auto.
    Barnimer

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  2. Danke für die Ergänzung. Ja ich sagte auch, dass es FAST nur etwas Staatsnahe waren, die in den Kaukasus fahren konnten. Das war etwas luschig von mir. Aber es war nicht der Standard. Doktoren u.ä. hatten es da schon etwas einfacher, dorthin zu kommen. Ich kenne es so, dass solche Reisen vor allem in den großen Kombinaten ausgeschrieben waren (oder im Staatsapparat) und dann dort gesiebt wurde.

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  3. Klar, wir können alle sehr stolz sein. Als die Mauer geöffnet wurde, kamen mir sogar die Tränen, und ich dachte an mehr Gerechtigkeit und Frieden, also: eine wirkliche Wende zum Guten. Ich muß dazu sagen, dass meine politische Bildung damals auch nur nach Schema F ablief, von der öffentlichen Meinung vorgegeben. Heute habe ich völlig andere Möglichkeiten, mich zu informieren und meinen Verstand zu schärfen. Am heutigen Tag dachte ich noch einmal daran, dass es, ohne die Einführung des EURO, eine Wiedervereinigung nicht gegeben hätte (?). Ich nenne das eine üble Erpressung, die wohl zuerst DDR-Bürger zu spüren bekamen.

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  4. Hallo Volker, mir ging es ebenso wie dir. Man konnte doch schließlich nicht glauben, was einen die DDR so über den Westen erzählt hatte. Ich wurde leider eines Besseren belehrt und alles das, was ich in der Theorie erfuhr, durfte ich in der Praxis ausprobieren. Mit der Zeit vergleicht man dann Medien und eigenes Erleben und geht auf die Suche nach Antworten. Ich habe mich ebenso entwickelt wie du. Ich weiß jetzt nicht, ob das mit dem Euro wirklich stimmt. Es wird immer viel erzählt. Letztendlich ist das aber egal, da den westdeutschen Konzernen der Euro gerade recht gekommen ist. Besseres hätte denen nie wiederfahren können.

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  5. Ach, Volker, das wollte ich noch sagen. Ich muss immer wieder an den damaligen Vorsitzenden der LDPD denken. Der sagte 1989: "Wenn es manche Errungenschaften morgen nicht mehr gäbe, würden viele schon übermorgen schmerzhaft spüren, was gemeinsam erarbeitet worden ist." Wie Recht er doch hatte.

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  6. als alteingesessener wessi habe ich mich damals beim anschluss aufrichtig gewundert, wie gut doch die dauerpropaganda durch westfernsehen etc die hirne vieler ddrler vernebelt hatte. und heute wunder ich mich genauso darüber, wieviele leidtragende dieser "wiedervereinigung" immer noch nicht gemerkt haben, daß sie grandios über den tisch gezogen worden sind - egal ob in ost oder west ansässig. und es sei noch angemerkt - der "17 juni -gedenktag" brachte zumindest den nocharbeitnehmern einen höheren freizeitwert als der "neue deutsche gedenktag", da im juni das wetter meist besser ist als im oktober.

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  7. Hallo Landbewohner, es war eine mehrfache Beeinflussung. Die Dauerpropaganda der DDR über den Westen, wie schlecht es denen doch gehe. Der hat man prinzipiell nicht geglaubt. Viele hatten Westverwandschaft, denen es wahnsinnig gut gegangen ist. Nach dem Anschluss waren die reichen Westverwandten plötzlich alle arm. Und dann eben das Westfernsehen, obwohl gerade dort, wo keins zu empfangen war, die Menschen noch gläubiger in den Kapitalismus eingetreten sind. Viele - auch ich - glaubten zumindest, dass sich Leistung lohnen würde. Dass dem nicht so ist, konnten wir nicht wissen. Viele Westtanten und -onkel schürten auch gerade dieses Denken. Und wenn du wegen jedem Glas herumrennen musst, Möbel nicht unbedingt immer zu bekommen waren und dann siehst du die Werbung im Westfernsehen, da bleibt doch etwas hängen. Kohl ist außerdem wohlweislich nach Dresden gegangen, um seine blühenden Landschaften zu verkünden
    . Sicherlich, weil die kein Westfernsehen hatten. Heutzutage wollen es viele nicht zugeben, dass sie zu den Verlierern gehören und dass es ihnen materiell in der DDR wohl besser gegangen ist. Dass sie enteignet worden sind, wollen die meisten so auch nicht zugeben. Schließlich will man nicht als Betonkopf da stehen. Auch ich sollte immer und jeden erzählen, als ich in RP und BW arbeitete, dass es mir nun soviel besser gehen würde. Man zog sich sofort von mir zurück, als ich meinte, dass es mir nun nicht besser gehen würde. Mir persönlich ging es damals in der DDR gut, ich wurde gefördert als Frau und ich habe meine Meinung gesagt. Ein Konsummensch war ich nie bis heute nicht.

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