Montag, 7. Oktober 2013

Es war mal eine Zeit - ein Land von Gestern

Der 7. Oktober war mal ein Feiertag in der DDR und wurde als Feiertag wieder abgesetzt. Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR gegründet mit einem Versprechen, dass alle Macht vom Volke ausgehen solle. 

Am 3. Oktober 1990 wurde dieser Staat beerdigt. 

Er starb an vielem und nicht nur an seiner Ökonomie. Hochmoderne Kombinate standen abbruchreifen gegenüber. Das Primat der Schwerindustrie - ähnlich der heutigen vorherrschenden Angebotstheorie - führte zu Ungleichgewichten in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Es gab viele Kampagnen: Rinn in die Kartoffeln - raus aus den Kartoffeln, wie wir immer sagten. Und sie brachten nur Unruhe ohne wirklichen Fortschritt.

Ideologisch wurde der Kampf um die Fernsehantennen geführt. Es gab Jugendbrigaden, die auf die Dächer zog und den sogenannten Ochsenkopf abknickte. Es durfte kein Westfernsehen geschaut werden. In den 1960er Jahren wurde ich zu meinen Abteilungsleiter zitiert, weil ich einen Jaguar und die Flinstones toll fand. Mir wurde gedroht, dass ich das unterlassen solle, sonst ... Was sonst? Ich weiß es nicht. Es gab aber genügend Menschen, die wegen Witze zu Lasten der DDR ins Gefängnis wanderten.

Sicherlich konnte dies nicht lange aufrecht erhalten werden. Es folgte die Zeit, wo das alles kein Thema war, höchstens für spießige Kleinstadtfunktionäre. In Großstädten tickten die Uhren anders. Vieles entwickelte sich. So auch im Zuge der Beatles eine eigene Beatmusik. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung auf den damaligen Karl-Marx-Platz - heute wieder Augustusplatz - als alle Gruppen, die sich damals gegründet hatten, dort spielten.

Das trieb die Spießer auf den Plan. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ein Kollege in meiner 3-Mann-Abteilung sich darüber aufregte, dass diese Musiker nicht so propper aussahen, wie eben Jugendliche auszusehen hatten. In Leipzig erfolgte dann so etwas wie der Beat-Aufstand. Auf dem Ring - wo 1989 Bürgerrechtler liefen - versammelten sich die Jugendlichen. Wir wurden vorher in der Schule gewarnt ja nicht dorthin zu gehen. Die Jugendlichen wurden aufgegriffen und in die Braunkohle gesteckt. Das war das probate Mittel der DDR-Justiz, wie man mit "Rowdies" - wie man damals sagte - umging. Ältere Leute sagen heute noch, dass man die und die doch in die Braunkohle stecken sollte. Das hieß damals: Geläutert werden durch körperliche Arbeit. Eine etwas verschärfte Form der Verurteilung zu Sozialstunden. Nur, die Sehnsucht nach den Beatles blieb in uns allen. Gut dargestellt hatte das Erich Loest in seinem Buch "Es geht seine Gang". Das Buch erschien nur als Bückware in der DDR und ging dann von Hand zu Hand. 

Es folgte nach dieser Zeit wiederum eine lockerere Zeit. Später war eine Gemeinschaftsantenne in den Neubauten und anderswo, wo man auch die westlichen Sender sehen konnte, Standard. Dann wurden die Künste wieder beschnitten. Modern Art - igittigitt. Arbeiter sollten bei ihrer heroischen Tätigkeit gezeigt werden oder auch in ihrer Freizeit. Und trotzdem entstanden zu dieser Zeit sehr kraftvolle Bilder und auch Bilder, die die Sehnsucht nach etwas anderem ausdrückten. 

Die Sehnsucht nach etwas anderem. Die war in uns. Der Mensch ist eigenartig. Verbiete ihm etwas und er will es unter allen Umständen. Ich wollte Paris sehen. Das war für mich der Inbegriff dessen, was Freiheit bedeutete. Übrigens war ich bis heute noch nicht dort.

Die Wirtschaft schwankte auch von einem Extrem ins andere. Der Todesstoß der Konsumgüterindustrie war die Abschaffung der kleinen privaten Betriebe und der halbstaatlichen Betriebe. Die gingen in den großen Kombinaten auf und urplötzlich gab es viele kleine Sachen nicht mehr. Eine Riesenkombinat konnte sich schließlich nicht um Weihnachtspyramiden z.B. kümmern. 

Auf der anderen Seite war die Rohstoffabhängigkeit von der damaligen Sowjetunion problematisch. Als die DDR begann auf Öl umzustellen, "bemerkte" die Sowjetunion, dass sie das zu einem wesentlich höheren Preis in die kapitalistischen Länder exportieren konnte. Die DDR hatte das Nachsehen und musste beginnen alles auf Braunkohle wieder umzustellen. Das ging mit einem zusehends höheren ökologischen Desaster einher.  

Als man in den 1980er Jahren die Bäcker und Fleischer animieren wollte, kleine Stehcafés oder Imbisse zu eröffnen, wollten die es nicht. Es hätte mehr Arbeit bedeutet und man musste als kleiner Unternehmer das nicht. Es reichte mehr als genug auch so. Davon abgesehen stand auch die Besteuerung diesem Wollen entgegen. Es hätte sich steuerlich nicht gelohnt - im Gegenteil.

Ende der 1980er Jahre legte sich ein zunehmend miefiger Schleier über das ganze Land, der dann zu den Demos 1989 führte. Es war schwierig Interessengruppen zu gründen. Immer stand die Frage dahinter: Braucht die DDR das? Sicherlich hätte die DDR dieses oder jenes nicht gebraucht. Nur, das ist nicht die Frage. Brauchten das die Menschen? Und die wollten es und durften es meist nicht. Ich erinnere mich noch daran, dass junge Frauen einen Hexenklub gründeten. Brauchte das die DDR? Nein. Die jungen Frauen aber sicherlich. Warum sollten sie sich nicht in so einem Klub (wie immer er hieß, weiß ich nicht mehr) zusammentun? Es wäre niemanden Schadens gewesen. Aber die jungen Frauen wären zufriedenere Menschen in diesem Land gewesen. Der Klub wurde verboten. Das Wohlwollen der Menschen hatte man verspielt aus spießigen, anmaßenden Gründen, die sagten, dass der Mensch nur so und so zu sein hatte.

Heutzutage schwärmen viele von der heimeligen Atmosphäre der Menschen in der DDR. Man schwärmt davon, dass einer für den anderen da war. Sicherlich, das gab es auch. Nur der neue Mensch, der geformt werden sollte - den gab es NICHT. 

In den Betrieben herrschte ebenso Mobbing und Futterneid - nur nannte man das nicht so. Üble Nachreden gab es ebenso wie heute. Wohnungsnachbarschaft war damals genauso problematisch wie heute. Es gab zwar immer Ausnahmen, wo es tolle Hausgemeinschaften gab, aber war das die Regel? Die Ellbogen wurden auch gebraucht. Schließlich wollte man eine Gehaltserhöhung und da musste man als Angestellte gut Wetter bei den Chefs machen. Es gab ebenso Chefs, die ihre Angestellten wie Dreck behandelten. 

Aber man vergisst so schnell. Die Demütigungen heute, treffen härter, weil sie einen ökonomisch treffen. In der DDR war das materielle Leben gesichert ohne das man hätte Almosen empfangen müssen. Wenn der Chef oder die Bezahlung nicht gut waren, ging man in einen anderen Betrieb. 

Bis heute habe ich Schwierigkeiten, zu akzeptieren, dass es Bettler gibt. Jungen Leuten ist das Bild - wie ich bei einer Reise von einer Mitreisenden erfuhr - so gewohnt, dass sie nicht mal mehr darüber nachdenken und dass sie es normal finden. Es war schon immer so ... Sicherlich, aber bei uns in der DDR nicht. 

Sicherlich gab es eine gewissen Zahl von DDR-Bürgern, die liebend gern Arbeitslosigkeit für andere wieder einführen wollten. Für andere - wohlweislich. Nun sind sicherlich sie selbst vielleicht betroffen und merken, wie schlimm so etwas sein kann. 

Die DDR hatte ihr Potenzial verspielt. Sie wollte nicht verstehen, dass Menschen recht unterschiedlich sind, dass sie unterschiedlich denken und unterschiedliche Interessen haben. Vielfach konnten sie ihre Interessen nicht verwirklichen, weil eben irgendjemand in der SED befand, dass dieses Interesse uninteressant und schädlich wären. So hat man Menschen vor den Kopf gestoßen und verloren. Wir lernten in der Schule, in der Lehre oder im Studium das dialektische Denken, wenn man denn wollte. Im wirklichen Leben wollte man von den Denkergebnissen nichts wissen, folgte man dogmatischen Ansichten. 

Über die Wirtschaft will ich mich nicht äußern. Ich verstehe davon nicht so viel und hatte auch nicht so den Einblick. Es gibt ernstzunehmende Wissenschaftler aus dem Westen, die herausgefunden haben, dass die DDR-Wirtschaft mitnichten Pleite war. Das will ich mal so stehen lassen.

1989 wollten viele keinen Kapitalismus. Viele wollten ihre Ideen umsetzen, gute Ideen. Wer weiß, was auch diesem Miniland geworden wäre, wenn diese Ideen die Chance zur Umsetzung gehabt hätten. Es war eine Wahnsinnszeit. Eine Zeit der wirklichen Freiheit, die in der kapitalistischen Rüstung mit Konsumgütern erstickt wurde. Die Spießer eroberten wieder das Terrain und haben es bis heute inne. 

Das sterben der freiheitlichen Ideen geht weiter. Wielange noch? Bis in alle Ewigkeit?


  


Kommentare:

  1. zum Thema Bilanz hier mal ein Link auf einen Bericht der Deutschen Bundesbank, ein kleiner Blick darauf lohnt. Die DDR war mitnichten so Pleite wie immer behauptet wird.

    http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Statistiken/Aussenwirtschaft/Zahlungsbilanz/zahlungsbilanz_ddr.pdf?__blob=publicationFile

    Thema Mobbing und Ellbogen habe ich persönlich nicht kennengelernt, bei uns waren die Gehälter aller Kollegen offengelegt, auch die der oberen Etagen. Und auch das soziale Miteiander driftete erst merklich nach der Wende auseinander, erst ganz langsam, aber nachher immer schneller, jeder hat zu tun, sich am Leben zu halten, vorher hatte man damit zu tun, bestimmte Dinge, z.Bsp. den Trabbi, am Leben zu halten.:) Heute findet man das DDR Klima oft nur noch in kleinen Dorfgemeinschaften wieder, und auch da hat es mächtig gebröckelt. Interessant finde ich aber da, das gerade sehr junge Leute gemeinschaftlich zusammenarbeiten, kleines Beispiel sei hier mal ein zusammen genutzter Kartoffelacker genannt, deren Früchte man sich geteilt hat. Also, es ist noch nicht alles verloren.;)

    AntwortenLöschen
  2. @Cohen66: Sei froh, dass du das nicht kennengelernt hast. Ich habe in Hochschulen und gesellschaftlichen Einrichtungen gearbeitet, dort war Futterneid angesagt. Ich habe auch bei einem Kombinatsleiter gearbeitet, der der rote Hitler genannt wurde. Und vielfach wurde ein Zusammensein doch wohl eher als Pflichtveranstaltung gemacht. Ich erinnere mich noch an den 1.-Mai-Zwang. Wenn man nicht da war, war es hinterher ganz schwierig, sich zu entschuldigen. Die wurden meist nicht anerkannt. Wer kein Herdentier war, hatte es nicht so sehr leicht. Ich denke, dass diese Seite doch wohl eher schön geredet wird. Was besser war, dass man hat den Stinkefinger zeigen können und verschwinden konnte. DAS geht heute aus Mangel an Arbeitsplätzen so überhaupt nicht. Und viel besser war es, dass man nicht wirtschaftlich tief getroffen wurde. Es gab überall Arbeit und musste trotz Stinkefinger nicht damit rechnen, hinausgeschmissen zu werden. Aber überall dort, wo ich gearbeitet habe und ich habe öfters gewechselt, weil es mir oft zu langweilig war, waren die Gehälter NICHT offen gelegt. Es gab zwar eine Gehaltstabelle, bei der man sich zusammenreimen konnte, was der Kollege nebenan verdiente, mehr aber nicht. Letztendlich wussten die Angestellten nicht zu 100% was der Kollege verdiente. Es war sehr oft Nasengeld dabei. Die oberen Etagen haben in der Regel Einzelverträge gehabt. Oft hat doch die Not der Dinge die Menschen aneinander gekettet. Du sprichst gerade so wunderbar den Trabbi an. Wenn man sich keine Beziehungen verschaffte, war es einen Trabbi zu haben, recht stressig. Ich kenne das zwar nur aus Erzählungen, weil ich mir schon damals nix aus dem Konsummist gemacht habe. Da wurden Urlaube mit Ersatzteilsuche verbracht. Na toll. Ich bin Taxi gefahren, war einfacher. Und die gemeinsamen Kartoffelfelder der Jugendlichen. Hmh, das mag ja sein. In der Regel ist das ein neuer Hype und Hypes vergehen so schnell wieder, wie sie gekommen sind, um dem nächsten Hype Platz zu machen. Ich würde das nicht überbewerten. Das wird die Zukunft zeigen oder auch nicht. Ich denke - eher nicht. Es sei denn die Not wird zu groß.

    AntwortenLöschen

Ich freue mich, dass du kommentierst. Nur beachte bitte:

Kommentare, die rassistisch sind, Hetze gegen bestimmte Personengruppen verbreiten und im Gossenjargon angefertigt werden, sind Spam und werden von mir nicht veröffentlicht. Außerdem mache ich bei unsachlichen und nicht zur Sache gehörenden Kommentaren sowie doofem Gelabere von Trollen von meinem Hausrecht gebrauch.