Mittwoch, 6. November 2013

Kritik der Zinskritik

Ein Gastartikel von Mechthild Mühlstein:

In der letzten zeit scheint die zinskritik wieder in mode gekommen zu sein. Zumindest hatte ich in den letzten wochen das gefühl, öfter darüber zu lesen.

Zinskritiker stellen einen »fehler« am kapitalismus fest: daß es eine umverteilung von unten nach oben gibt. Somit die breite mehrheit der bevölkerung verlierer des systems ist. Und sie haben einen schuldigen an dieser misere entdeckt: das finanzkapital.

Deren argumentation geht ungefähr so: geld arbeitet nicht, die zinsen für kredit müssen von privatpersonen finanziert und erarbeitet werden.

So lande das geld, das die leute durch redliche arbeit verdient hätten, durch den zins auf den konten der windigen kredithaie, die so ungerechter weise zu wohlstand kämen, den sie gar nicht verdient hätten. Ohne zins sei die warenwelt, in der man gegen geld produzieren und kaufen soll, eine heile.

Außerdem müsse das system zusammenbrechen, weil die bevölkerung verarme, während die kreditgeber immer mehr bekämen.

Das ist eine merkwürdig einseitige sicht auf das »beste wirtschaftssystem aller zeiten«: den kapitalismus. Einen nicht unerheblichen teil der ausbeutung des lohnarbeiters lassen die unter den tisch fallen.

Das mit der umverteilung von »unten nach oben« stimmt zwar, ein »fehler im system« ist das schlechterdings nicht.

Hier ist alles darauf ausgerichtet, daß die besitzlose klasse für die geldvermehrung der besitzenden klasse aufkommen muß. Das fängt relativ harmlos beim wohnen an: wer kein wohneigentum hat und zu wenig geld hat, sich eins zu erwerben, ist lebenslänglich dazu gezwungen, ein drittel oder die hälfte des monatlichen einkommens an einen grundeigentümer zu zahlen, der etwas hat, an das man, der eigenen armut wegen, nicht anders rankommt. Viele leute stellen sich das so vor, daß miete sein müßte, damit die maurer und betonfacharbeiter an ihren lohn kommen. Es geht jedoch nicht darum, daß die leben können. Es geht um den gewinn für die grundeigentümer.

Zinskritiker machen die absurde trennung in »schaffendes« und »raffendes« kapital. Da gibt es keinen unterschied: die einen kapitalisten verleihen geld gegen zins und die anderen wenden arbeit und/oder eigentum an, um profit zu machen. Für beide zählt nur eins: der gewinn, also am schluß mehr geld zu haben. Aus wirtschaftlicher sicht ist es humbug, da einen unterschied zu machen.

Vielleicht wäre es eine gute sache wenn das system, wie von den zinskritikern behauptet, einfach mal durch ungleichverteilung zusammenbräche. Das wird es aber nicht, weil ungleichverteilung zweck des kapitalismus ist: die armut wird durch das eigentum der reichen produktiv gemacht. Je ungleicher das wird, desto stärker sind die besitzlosen erpreßbar, wenn sie einfach nur ihren lebensunterhalt verdienen möchten.

Wenn man die welt durch die brille eines faschisten betrachtet, hat die trennung in »schaffendes« und »raffendes« kapital schon einen sinn. Das möchte ich an dieser stelle weglassen. Das wäre eine eher ideologische erklärung, die aber nicht sachdienlich ist, wenn man leute auf einen ökonomischen denkfehler aufmerksam machen möchte.

Mechthild Mühlstein bloggt im 1-Euro-Blog

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