Freitag, 6. Dezember 2013

Ein paar Worte zur Adventszeit



Wer hätte das gedacht. Ich muss mich revidieren. Papst Franziskus scheint doch ein Mensch zu sein. Sein Evangelii Gaudium enthält neben vielen christlichem auch zutiefst menschliche Züge, die unsere ach so tolle heutige Zeit anprangern. Wer hätte das gedacht, dass aus dem Vatikan solche Töne kommen können:


Ebenso wie das Gebot »Du sollst nicht töten« eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein »Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen« sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, daß es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte an der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. Es ist nicht mehr zu tolerieren, daß Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit. Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die »Wegwerfkultur« eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht »Ausgebeutete«, sondern Müll, »Abfall«. (…)


Unser Verfassungsschutz müsste also den Papst als Linksextremen beschatten. Was er sagt, genügt, um Menschen als Feinde des Grundgesetzes, obwohl gerade sie das Grundgesetz schützen, zu diffamieren und zu beobachten. 

Niemand der Herrschenden will hören, dass dieses System tötet. Wir sollen alle glücklich am Ende der Geschichte angekommen sein. Es gibt aber kein Ende der Geschichte. Systeme, die Menschen wirklich oder durch ihr Handeln psychisch töten wurden in der Geschichte immer gestürzt. Sie konnten sich niemals für immer halten.


Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die weltweite Krise, die das Finanzwesen und die Wirtschaft erfaßt, macht ihre Unausgeglichenheiten und vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deutlich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Konsum.

Wir müssen endlich erkennen, dass Konsum NICHT unser Lebenszweck ist. Wir sind nicht dazu da einer Familie Piech oder Burda, Siemens oder Krupp ein feines Leben zu ermöglichen. Wir sind nicht dafür da, nur noch an Marken zu denken und sie auch zu kaufen und uns schlecht zu fühlen, wenn wir das nicht können. 

Denken wir gerade in der Adventszeit daran, unser Name ist MENSCH. Ich kann das nur immer wieder wiederholen. Und wir sollten uns nicht alles gefallen lassen und nicht jedem Mietmaul irgendetwas nachquatschen.



Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt. Außerdem entfernen die Schulden und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Zu all dem kommen eine verzweigte Korruption und eine egoistische Steuerhinterziehung hinzu, die weltweite Dimensionen angenommen haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden. (…)

Es ist kein Neid, wenn wir anprangern, dass einige Wenige, die sich über uns setzen unser Geld abschöpfen. Die Gewinne in die Tasche stecken und die Folgen ihres Tuns uns Steuerzahlern überlassen.



Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überläßt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. (…)
  
Wir lassen uns gegen Muslime aufhetzen, gegen alles, was nicht Deutsch ist, obwohl Deutschsein sehr spät erst Einzug in die Geschichte gehalten hat. Wir haben alle rotes Blut! Der Familie Piech oder Oetker freut es, wenn wir uns gegeneinander aufhetzen lassen, denn dann lassen wir sie durchkommen mit ihrer Gier, ihrer Umweltzerstörung im Dienste ihrer Profite, mit der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. 

Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, daß der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit, das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüßten wir nicht, daß Waffen und gewaltsame Unterdrückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen. Einige finden schlicht Gefallen daran, die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemeinerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer »Erziehung« zu finden, die sie beruhigt und in gezähmte, harmlose Wesen verwandelt. (…)

Der Koalitionsvertrag für unsere zukünftige Regierung sieht genau das vor: Militärische Stärke zeigen, Rohstoffe mittels Waffen für uns zu requirieren und Staaten zu destabilisieren.

Ich bin kein Christ, aber ich gehe mit den Worten des Papstes konform. Wer hätte das gedacht? Ich sicherlich nicht. 

 


Evangelii Gaudium



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