Donnerstag, 23. Januar 2014

Wann wird die Bevölkerung es begreifen?


Ich glaube erst, wenn ihnen der Hintern im Winter wegfriert, weil sie nichts mehr haben, wovon sie irgendetwas für ihr Leben bezahlen können. Dann werden sie vielleicht - aber auch nur vielleicht - ihre wahren Feinde erkennen.

Eine Bevölkerung, alle eingeschlossen, wovon 10% das "Dschungelcamp" schauen und sich weitere 7 Millionen vom "Bergdoktor" verwöhnen lassen, was soll man von ihr halten? Werden sie überhaupt irgend wann mal in ihrem Leben noch aufwachen?

Ich las im Nachrichtenspiegel einen Bericht über den Eifelphilosophen, der gut ausgebildet, viel gearbeitet und erfolgreich gearbeitet hat und krank wurde und wie ihn dann von der offiziellen Gesellschaft mitgespielt wird. 

Der gefühlte Mittelstand meint immer, dass ihm nie passieren könne, dass er HartzIV beziehen müsse. Schließlich sei er zig Jahre in einem Unternehmen beschäftigt, was ihn wie Familie vorkommt. Ich kenne solch ein Gefasel von einer ehemaligen Kollegin, deren Junge bei Siemens arbeitete. Sie soll das mal den Gefeuerten von Siemens erzählen. 

Akademiker arbeiten vielfach im Niedriglohnbereich lauteten die kürzlichen Schlagzeilen in den Medien.

Lesen das und verarbeiten das auch alle? Wenn ja, dann dürften diejenigen doch wohl langsam stiller werden, die Niedriglöhner mit Ungelernten oder Niedrigqualifizierten in Verbindung bringen.

Uns sollen Fachkräfte fehlen, wird immer wieder verbreitet. Im nächsten Satz erzählen die Medien davon, dass Unternehmen immer weniger Akademiker einstellen. Nun, was ist. Gilt das eine oder das andere? Beide Meldungen schließen einander aus.

Hört die Bevölkerung zu? Das wäre wohl zuviel verlangt. Schließlich muss der nächste Ekelprüfung der Dschungelcamper entgegengefiebert werden. Was ist wichtiger als das?

Unser Leben? Wen interessiert das schon. Nicht mal uns selbst. Wir ergehen uns lieber in der Scheinwelt eines Bergdoktors, damit wir die Ärzte, mit denen wir selbst zu tun haben, vergessen können.

Ich zitiere aus dem Artikel:



Während ich noch Arbeitslosengeld 1 bezog und mich um neue Arbeit bemühte (was mit dem Rücken wirklich “mühsam”war), bekam ich die erste Post von der ARGE: ein Stellenangebot im Außendienst. Das ich gerade frisch gekündigt war, weil ich Außendienst nicht mehr leisten konnte, spielte keine Rolle: sollte ja auch nur halbtags sein – für eine Versicherung, die meine Kontakte zu Ärzten nutzen wollte. “Halbtags” bezog sich auf die Bezahlung: vier Tage Arbeit die Woche, zwei davon wurden bezahlt. So was ging im Jahre 2006. Man drohte mir auch mit der Streichung aller Leistungen … die ich noch gar nicht erhielt. Weiterlesen bitte dort!




Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Als chronische Schmerzpatientin wurde ich auch zum Medizinischen Dienst geschickt. Er war Orthopäde und nicht qualifiziert für chronische Schmerzen. Zuerst verwechselte er mich mit einer Krebspatientin und fragte mich, ob ich die Brustoperation (Orthopäde!) gut überstanden hätte. So wächst natürlich ein Vertrauensverhältnis zum Arzt. Dann tat er mir während der Untersuchung weh und als ich "aua" sagte, fuhr er mir über den Mund, dass ich mich nicht so haben solle, schließlich wolle ich etwas von ihm. Auch als ich ihm begreiflich machen wollte, dass ich nicht wegen irgend etwas Orthopädischem zu ihm gekommen wäre, stieß ich auf taube Ohren. Er habe seinen Fragebogen, den müsse er ausfüllen. In einer Wartepause bin ich gegangen und habe mich schriftlich über den Arzt beschwert. Die üblichen 30% sind herausgekommen.

Auf meinem Arbeitsplatz war ich mehrjährigem Mobbing ausgesetzt. Mobbing weil ich aus dem Osten kam, Quereinsteigerin war (also keine Bankkauffrau aber mit Studienabschluss), keine Markenklamotten trug und nicht badisch, schwäbisch oder pfälzisch sprach. Kunden lehnten Gespräche mit mir ab, weil sie generell nichts mit Ostlern zu tun haben wollten. Mobbing macht eine Krankheit, die man hat, schlimmer. Ich wurde geschnitten, bekam keine Informationen mehr, saß allein im Zimmer fast ohne Kontakte. Es war Chefmobbing vom Feinsten.
 
Als mein Arbeitsplatz wegen Umstrukturierung wegfiel und die Tochtergesellschaft der Tochtergesellschaft wieder in die ursprüngliche Tochtergesellschaft einer namhaften Bank eingegliedert wurde, habe ich mich für das Gehen entschlossen mit entsprechender Abfindung. Nach mehrjährigem Mobbing und immer größeren Schmerzen, war ich froh, die Segel streichen zu können. Nur, die Bank entlässt nicht, sondern man muss einen einen Aufhebungsvertrag unterschreiben. Aufhebungsvertrag bedeutet, dass man eine vierteljährliche Sperre beim Arbeitslosengeld 1 hat. Glücklicherweise (bzw. bewusst) hatte ich mein Mobbing gegenüber einem Geschäftsführer und der Betriebsärztin öffentlich gemacht. Nur so konnte ich die Sperre abwenden.

Die 1 1/2 jährige Zeit Arbeitslosengeld 1 waren geprägt von einer netten Zusammenarbeit mit der Sachbearbeiterin, die einsah, dass ich nicht mehr vermittelbar sei. Ich musste keine Bewerbungen schreiben und bekam keine Schreiben zugeschickt. Aller Vierteljahre musste ich mich nur vorstellen. 

Mein Glück war, dass ich zur richtigen Zeit geboren worden war und schon mit 60 - zwar mit sehr vielen Abschlägen - in Rente gehen konnte. Mir fehlte nach der Zeit mit Arbeitslosengeld 1 nur ein halbes Jahr bis ich Rente bekommen konnte. Für das halbe Jahr war die Abfindung da. Ich habe  keinen Hartz-IV-Antrag ausgefüllt Ich bekam keine Leistungen mehr, musste aber noch aller Vierteljahre zum Jobcenter. 

Nun drehte meine ach so nette Sachbearbeiterin auf. Ein halbes Jahr vor der Rente (es war Wahljahr) sollte ich doch wirklich zu einem Lehrgang. Man wollte mich für den Arbeitsmarkt fit machen, mich aktivieren. Ich sah die Sachbearbeiterin mit großen Augen an, machte den Mund auf und zu, dann - ich konnte nicht anders - habe ich gelacht, gelacht, gelacht. Ich konnte mich nicht mehr beruhigen. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie sehr bedauere, weil ihr Job von ihr verlange, dass sie sich vor mir zum Affen machen müsse. Dann fragte ich sie, ob ich vielleicht den Maßnahmeträger selbst etwas am PC lehren könne, da ich in dieser Beziehung fit sei. Ich habe sie gefragt, womit sie mich den strafen wolle, da ich überhaupt keine Leistungen beziehen würde. Sie würde es der Rentenstelle melden, meinte sie dann. Ich konnte vor Lachen nicht mehr und machte sie darauf aufmerksam, dass ein paar Cent mehr oder weniger Rente es wohl nicht ausmachten. Bei der Rentenstelle erfuhr ich dann, dass die das gar nicht interessiert hätte. 

Ich stand auf, ging und beschwerte mich bei der Leitung der Arbeitsagentur über das Ansinnen, dass Steuergelder für mich verschwendet werden, wo ich doch in Rente gehen würde, wie auch die Sachbearbeiterin wüsste. Meiner Beschwerde wurde dann stattgegeben.

Nur, ich hatte alle Karten auf meiner Seite. Ich saß in diesem Fall am längeren Hebel. Ich stand kurz vor der Rente. Ich dachte mir: Was machen diejenigen, die in einer nicht so komfortablen Situation sind? Welche Chance haben die, gegen eine sogenannten Aktivierungsmaßnahme vorzugehen? Ist es nicht überhaupt eine Frechheit Aktivierungsmaßnahmen anzubieten? Es wird sicherlich den einen oder anderen geben, der so etwas benötigt, aber sicherlich müsste auf diese Menschen individuell eingegangen werden und nicht mit so einer 0-8-15-Maßnahme.  Wieso werden Maßnahmeträgern einfach so Steuergelder hinterhergeschmissen. Meine Steuergelder!

Die Mehrheit der arbeitslosen Menschen will doch aus der Almosensituation herauskommen. Sie wollen ihr eigenes Leben führen, so wie sie es führen möchten. Sie wollen, dass ihre Berufsabschlüsse nicht entwertet werden. Sie wollen als Fachkräfte - die man doch angeblich so händeringend sucht - anerkannt werden. Sie sind in der Mehrzahl Fachkräfte!

Oft sind es studierte Leute, Leute mit Facharbeiterausbildung, qualifizierte Menschen meist, die unterqualifizierte Tätigkeiten verrichten müssen. Es ist für die Volkswirtschaft verschenktes Potenzial.

Deutschland verschenkt qualifiziertes Potenzial ihrer Menschen, einfach so, wie auch Deutschland Waren einfach so verschenkt und sich über Beides freut: ein wachsender Niedrigstlohnsektor (der beste von Europa) und einen exorbitanten Exportübeschuss. Auch die 8,50 Mindestlohn bedeuten nichts und bringen keine Wirtschaftskraft im Inneren, weil die Millionen von Minijobber immer noch viel zu wenig verdienen. Und gute Vollzeitstellen wird es immer weniger geben.

Aber wir schauen denn doch lieber uns die Kakerlaken an, die im Dschungelcamp gegessen werden müsse. (ohne Gewähr. Ich weiß nicht, ob die so etwas wirklich machen müssen, da ich das Dschungelcamp nicht sehe)

Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über fast die Hälfte des weltweiten Reichtums. Dieses eine Prozent verfügt über 110 Billionen US-Dollar. Das ist 65-mal so viel, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung hat.

Wann werden wir das begreifen?








Kommentare:

  1. Ach, es ist doch überall die gleiche Geschichte. Das Leben wird immer unmenschlicher und die Menschen werden zugleich mit diversen Mitteln eingelullt damit sie brav und fügsam sind. Elend und Unzufriedenheit bestimmen den Alltag, und dabei müssen wir unser schönstes Lächeln aufweisen. Das Mittelalter ist erneut wieder angebrochen (oder war es in Wirklichkeit überhaupt vorbei?) und die modernen Sklaven werden nun mit allen Mitteln dazu gezwungen sich der neuen Mobilität zu fügen oder ansonsten elendlich zu verrecken. Viele Deutsche wandern in die USA, die Schweiz oden in die skandinavischen Länder aus um noch einigermaßen vernünftig bezahlte Arbeit zu finden, und die Südeuropäer werden durch den völligen Zusammenbruch ihrer Lebensumstände aus ihre Heimatländer regelrecht verjagt und zum nackten Überleben als Billiglöhner in den Norden gelenkt (sofern sie noch irgendwie die Möglichkeit haben dorthin zu gelangen und eine Arbeit zu suchen).

    Meine geliebte westdeutsche Großmutter, eine hart arbeitende und standfeste Frau, sehr einfühlsam aber keineswegs pessimistisch, war heilfroh als sie und ihre Familie aus den Feuern des Zweiten Weltkrieges mit dem Leben davonkamen und freute sich über die Perspektive einer neu gefundenen Stabilität in einem Deutschland des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders. Obwohl sie ihr Leben lang dankbar war über die verschiedenen Möglichkeiten, die sich ihren Kindern während dieser goldenen Jahre anboten, spürte sie immer in ihrem Innern eine gewisse Unruhe, dass irgendetwas nicht so ganz stimmte, die Welle der gesellschaftlichten Euphorie konnte sie nie so ganz mitreißen. “Das kann nicht lange gut gehen”, rutschte es manchmal aus ihr raus. Über fünf Jahrzehnte lang beobachtete sie sorgerfüllt den Einzug der Gleichgültigkeit, der Kaltschnäuzigkeit und der Überheblichkeit in die deutsche Gesellschaft, die mit zunehmendem Wohlstand immer mehr zu einer Ellbogengesellschaft mutierte. Sie empfand, dass die Menschen innerlich abstumpften, dass Freundlichkeit und Solidarität zu Freund und Nachbar wie sie sie noch in jüngeren Jahren erlebt hatte (besonders im Osten, wo sie gerade durch diese Solidarität die Kriegsjahre überstehen konnte um später in ihren Heimatsort zurückzukehren), immer mehr verspottet und abgelehnt wurden. “Irgendwann rächt sich das alles”. Und leider musste sie Recht behalten. Ich kann nur froh darüber sein, dass sie das alles nicht mehr miterleben muss.

    Denn wir erleben wahrhaftig den Dritten Weltkrieg, genau wie Du (ich erlaube mir das Du, weil dein unerschütterlicher Kampfgeist mich so sehr an sie erinnert), liebste PeWi, bereits so vortrefflich beschrieben hast, den totalen und alles überrollenden Wirtschaftskrieg, der ganze Länder und Völker niedermacht, einen stillen Genozid. Und mir persönlich bleibt nichts anderes mehr übrig als zwei Heimatländer zu beweinen, gefühlsmäßig hin- und hergerissen zwischen zweier Kulturen, die eigentlich immer auf verschiedene Arten und Weisen zusammengeschweißt waren und jetzt als erbitterte Feinde dargestellt werden. Wir alle werden gegeneinander ausgespielt, wann wird das uns allen endlich bewußt werden?

    Viele Grüße,
    Plutonia of SolitaryThinkers

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  2. @Plutonia of SolitaryThinkers: Vielen Dank für deinen Beitrag. Er hat mich sehr bewegt und darin bestärkt, in meinem Blog weiter zu schreiben. Manches Mal denke ich, dass es sowieso vergebene Liebesmühe wäre, aber vielleicht ist es wichtig, dass wir voneinander erfahren und wissen, dass es auch noch andere Menschen jenseits des Dschungelcamps gibt.
    Ein schönes Wochenende, wünsche ich. PeWi

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  3. Bei einem Familienmitglied war das ähnlich. Abfindung/Rente mit Abschlag. Eine junge Dame vom Arbeitsamt meinte denn auch sie in merkwürdigen Maßnahmen (die ja dann auch dann sofort eine bereinigte Arbeitslosenstatistik zu folge hat)zu schicken. Der Plan war. 2 Jahre ALG 1 und dann mit weniger Abschlag in Rente zu gehen. Sie kapitulierte und ging mit 60. 920 EURO Rente zgl 3 kapitalisierte (versteuerte) Rentenzahlungen aus der Zusatzversorgung.

    Das alles nenne ich dann mal Herabwürdigung einer Lebensleistung...

    Liebe Petra. Mach bitte weiter mit deinem Blog. Viellicht bewegst du du doch einige zum nachdenken. Ganz bestimmt sogar.

    Vlg aus dem Ruhrgebiet
    Marty

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  4. Hallo Marty, Danke für deinen Kommentar. Wenn man so herumhorcht, dann ist es immer wieder das Gleiche. Wenn du keine ökonomische Kennzahl mehr bist, kannst du zum Teufel gehen. Das ist ein Land, nee, nee, nee.

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