Freitag, 10. Oktober 2014

Legendenbildung Montagsdemos

Wir sind das Volk! Das war der Spruch derjenigen, die am 9. Oktober über den Leipziger Ring gelaufen sind. Wir sind das Volk! Und nicht: Wir sind EIN Volk!

150.000 Menschen sollen sich gestern die Beweihräucherung in Leipzig, der sogenannten Heldenstadt, zum Lichterfest angetan haben. Es wird berichtet, dass sie den Ring wieder abgelaufen wären, den sie vor 25 Jahren gelaufen sind oder nicht oder nur so getan haben als ob. Heutzutage weiß man das nicht so genau, weil jeder dabei gewesen sein will und fast jeder Ostdeutsche ein Widerstandskämpfer war.

Die Staatspräsidenten Polens, Tschechien, Ungarns und der Slowakei waren da und weiterhin Genscher, Baker und Kissinger. 

150.000 Menschen wurden verkohlt. Nur, sie wollen verkohlt werden.

Gauck stellte publikumswirksam eine Kerze auf dem Augustusplatz ab. Nur dort wurden keine Kerzen abgestellt, sonder an der Nikolai-Kirche. Der Platz davor war für Gauck aber sicherlich nicht publikumswirksam genug. Er recyelte seine verschiedenen Reden über Freiheit und mehr Verantwortung von Deutschland in der Welt und brachte "bewundernswerter" Weise in diese schon immer gehaltenen Reden das Wort Frieden unter und Leipzig.  Er wäre glücklich in Leipzig zu sein, meinte er. In den Nachmittagsstunden schmonzitierte ein Leipziger Privatsender schon, dass Gaucks Auto auf dem Alten Markt stünde. Sollten die Menschen sich den Mercedes mit 01er Kennzeichen ehrfürchtig anschauen? Sicherlich haben das welche gemacht, wenn sie denn dorthin gekommen sind. Ich weiß nicht wo und wieviel in Leipzig abgesperrt wurde.

Gauck meinte, dass wir wachsam sein müssten, weil Fanatiker, Extemisten und Ideologen unsere Demokratie aushöhlen würden. Wir Bürger sollten die Demokratie mit Leben erfüllen. 

Das ist auch völlig leicht. Wir machen irgendwohin unser Kreuzchen, wenn wir nicht die Nase davon schon voll haben und bekommen immer wieder dasselbe.

Extremisten? Er meinte damit auch welche, die eine für alle menschenwürdige Gesellschaft wollen. Die nicht möchten, dass Menschen nur als Humankapital, mit dem man machen kann, was man will, betrachtet werden. Wir sollten Gauck noch einmal daran erinnern, was er über die Blockupy-Bewegung gesagt hat. Freiheitlich und demokratisch war das nicht. Die sind keine Spinner.

Fragen wir einmal nach, was die USA - vertreten durch Baker und Kissinger - unter Freiheit und Demokratie verstehen. Sie spionieren ihr ganzes Volk mit einem Computerprogramm aus plus die ganze Welt ebenso. Wenn ich Glück habe, liest diesen Post die NSA mit. (Viel Spaß dabei!) Wer das an die Öffentlichkeit bringt, muss sich gefallen lassen, dass er hinter Gittern wandert. Schon vor Snowden haben hohe Beamte der NSA und Experten des Kongresses, die Finger auf die Wunde gelegt und versucht den Verfassungs- und Gesetzesbruch rückgängig zu machen. Sie wurden allesamt kalt gestellt und sind einer Verhaftung sicherlich nur deshalb entkommen, weil sie die Leichen im Keller der anderen kannten. Obama sprach sich in seinem ersten Wahlkampf gegen dieses Spionageprogramm aus, um es dann noch kurz vor den Wahlen mit abzunicken. Obama hat es nicht eingestampft, wie wir durch E. Snowden wissen. Freiheit und Demokratie in den USA heißt auch, Menschen ohne Gerichtsurteil in exteritorialen Gefängnissen festzuhalten und zu foltern. Es heißt, Menschen anderer Hautfarbe bei Polizeistreifen zu töten oder dass Zivilisten dies auch gleich selbst tun können, wenn sie sich in "Gefahr" wähnen, ob nun wirklich oder nur eingebildet.

Schauen wir uns Polen an. Haben wir nicht von Folterknechten der USA gehört, die mit den Wissen von Polen, in Polen gefoltert haben?

Schauen wir uns Ungarn an. Freiheit und Demokratie sind dort nur noch eine Farce. Sie wurde an die regierende nationalistische Partei mit ihren faschistischen Helfershelfer angepasst, in das, was diese unter Freiheit und Demokratie verstehen. In Ungarn sind Roma Personen non grada. Sie bekommen keine Arbeit, kein Wasser oder anderes, was zum Leben gehört. Wir haben von Ungarn gehört, dass dort Juden wieder ausgegrenzt werden. Ein Jude sollte sich dort gefälligst - auch mit ungarischer Staatsbürgerschaft - Jude und nicht Ungar nennen. Wenn schon international anerkannte Wissenschaftler damit zu kämpfen haben, was passiert dann mit einem einfachen Ungar, der jüdisch ist?  Ich glaube, dass es zum 20. Jahrestag der Montagsdemos war, als eine große Protestwelle durch Leipzig ging, weil der ungarische Präsident eingeladen war. Dieses Mal habe ich nichts davon gehört. Haben wieder Menschen gegen den ungarischen Präsidenten protestiert? Ja oder nein? Oder hat man das uns nur vorenthalten?

Unser König von Sachsen - Herr Tillich - forderte von den Menschen mehr demokratisches Engagement ein. Er hat gut reden - heute! In der DDR war er fest in das System eingebunden. Er war im Staatsdienst Stadtrat für Handel und Versorgung. Dazu wurde er nicht gezwungen. Das tat er freiwillig. Das war eine Position, die mit der Stasi eng verbandelt war, egal, wer sie besetzte. Andere in gleicher Position nur von der SED hatten nicht das Glück, toleriert zu werden. Aus genau diesen Gründen, wurden sie in die Wüste gejagt. Also gab und gibt es zweierlei Recht. 

Zurück zu Gauck. Er war Pfarrer in der DDR. Pfarrer in der DDR zu sein, hieß Privilegien zu genießen, die andere nicht hatten. Ich gönne ihn die Privilegien, wenn er mit gönnt, dass ich in der DDR nicht unterdrückt war. Ich konnte in der DDR kostenlos im zweiten Bildungweg studieren und bekam noch Büchergeld und die lächerlichen Studiengebühren von 40 Mark pro Semester erstattet. Und ich teilte hinterher nicht das Los jetziger Studenten, die als Praktikanten einfach für Umme oder für lächerliche Beträgen arbeiten müssen. Bildung hat sich in der DDR gelohnt. Westliche Frauen - meine ehemaligen Kolleginnen - haben mich darum beneidet, weil einige doch gern studiert hätten, dies aber nicht konnten, weil die Familien das nicht finanzieren konnten.

Herr Gauck, Freiheit an sich  gibt es nicht. Freiheit ohne gesellschaftliche Teilhabe, weil man zu arm dafür ist - ist keine Freiheit, sondern ein Joch, dass man nicht abschütteln kann. Diese Menschen müssen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen. Das hört sich zwar pathetisch an, aber wer sich die lächerlichen Beträge anschaut, die sich zu H4 summieren, versteht das. Ist Freiheit also nur für Ihre Konsorten gedacht? Was wird ein Rentner sagen, wenn er wieder einmal Flaschen aus dem Container klaubt. Fühlt er sich frei? Wenn, dann vogelfrei!

Er fordert auch, wie Tillich, Arbeit für die Demokratie, damit alles Friede, Freude, Eierkuchen wird und z.B. kein Fremdenhass aufkomme. 

Das sind heere Worte. Wie sieht die Praxis aus? 

In Sachsen haben wir einen Sumpf von Bestechungen, der nicht juristisch aufgearbeitet wird, denn man stellt in schöner Regelmäßigkeit fest, dass alles rechtens sei. Sachsen hat sich damit hervorgetan, dass jeder, der ein demokratisches Projekt auf den Weg bringen wollte - mit Zuschüssen des Landes/Stadt - eruieren musste, ob seine Partner auf den Boden der Verfassung stehen. Er selbst musste das mit seiner Unterschrift bestätigen, sonst bekam er keine Förderung. Der Stand auf den Boden der Verfassung - ein GG ist keine Verfassung - war stark eingeengt. Jemand der meinte, dass der Kapitalismus die Menschen ausbeutet, war und ist extremistisch. Man sagt, dass Sachsen das Land ist, wo das GG immer wieder ausgehebelt wird. 

Apropos Fremdenhass. Die Bundesregierungen in den letzten Jahren haben immer wieder betont, dass das Boot voll wäre. Niemand in der Regierung fühlt sich dafür verantwortlich, dass die NPD sagen kann, dass das Geld für Flüchtlinge nicht mehr für die sein soll, sondern nur für Deutsche ausgegeben werden soll. Wo ist da die Stimme von Herrn Gauck. Wo ist die Stimme von Angela Merkel, die mal auch dem BILD-Leser klarstellen, dass dieses Geld, was für Flüchtlinge ausgegeben wird, niemals an arme Deutsche gehen würde, wenn es keine Flüchtlinge mehr gäbe. Wie ist die Haltung Deutschlands zu Flüchtlingen? Wir halsen sie konsequent unseren schwachen EU-Partnern Italien, Spanien und Griechenland auf. Das öffentliche Deutschland lehnt sich zurück und freut sich, dass es fett und behäbig in der Mitte der EU sich räkeln kann. Wer Deutschland als Partner hat, braucht keine Feinde mehr. Sicherlich kann jeder selbst Beispiele dafür finden.

Herr Gauck, was reden sie von der Verantwortung Deutschlands in aller Welt. Ist das etwa die Verantwortung, die Jugoslawien zerstört hat? Die den Kosovo von Serbien abgeschnitten hat? Die neue Ustaschas tolerieren oder auch Wirtschaftkriminelle, egal ob nun im ehemaligen Jugoslawien oder in der Ukraine. Wer die Krim als Vorwand nimmt, um gegen Russland zu hetzen, der ist für mich kein Bundespräsident, sondern ein Scharfmacher. Hat er vielleicht mit Russland noch eine Rechnung offen wegen seiner Eltern? Dieses Gerede über Russland und die Boykotttatsachen scheinen mir doch wohl eher von Rachelust geprägt zu sein, als vom Verstand.

Gauck spricht die weltweiten kriegerischen Vorgänge an. Wer verteidigt den Deutschland am Hindukusch oder an anderen Stellen in der Welt, die uns überhaupt nicht bedrohen? Ist etwa Afghanistan kein Krieg? Haben wir nicht die Irakkriege der USA zumindest materiell unterstützt? Eine geheime Soko sollte doch dort auch sein, hört man manches Mal so unter der Hand. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber alles ist möglich. Wahr ist, dass ein hoher Offizier der Bundeswehr dafür belohnt wurde, dass er afghanische Menschen abgefackelt hat. Wollen wir uns dessen rühmen? Ist es das Bild, was die Welt von Deutschland erhalten soll? Ich wurde schon einmal auf den Hurtigruten von einem Engländer gefragt, ob Deutschland wieder Krieg machen will.

Was machen wir jetzt mit Syrien? Wir opfern die Kurden für den Islamischen Staat? Bilden sich eigentlich alle Beteiligten ein, sie könnten irgendwann den Islamischen Staat bändigen? Irgendwann schlägt es auch auf uns zurück, dass Deutschland als Kolonialland der USA es zulässt, dass die arabischen Staaten sich untereinander bekriegen. Das ist doch, was der Westen will. Ein Chaos mit  zerbrechende Staaten in der Levante. Israel und die USA mit ihren Vasallen haben von Anfang an daran gearbeitet. Nur, zerbrechende und zerbrochene Staaten sind eine Gefahr für alles, auch für uns. Nichts gilt dann mehr, die Menschlichkeit wird dort ausgesetzt. Krieg macht Menschen zu Bestien, die nicht mehr zu zügeln sind. Nur Herr Gauck weiß das nicht. Und mir scheint, dass er es wirklich nicht weiß. Die uns Regierenden sind so dumm, wie wir sie einschätzen. Jemand Intelligentes hätte keine Chance auf irgendein Amt.

Nun haben 150.000 Menschen 25 Jahre Montagsdemos gefeiert. 

Sie haben gefeiert, dass Leipzig zu den ärmsten Städten Deutschlands gehört.

Sie haben gefeiert, dass Tausend von Leipzigern kurz vor Monatsende blank sind. 

Sie haben gefeiert, dass Westbeamte, -lehrer, -professoren, -doktoren, -bürgermeister, -politiker die meisten Einheimischen verdrängt haben. Gut ist, wer aus dem Westen kommt - Punkt! 

Sie haben gefeiert, dass sehr viele von ihnen H4 beziehen, also die Arbeitslosigkeit gefeiert. 

Sie haben gefeiert, dass viele unserer Produkte ausgelistet worden sind und wenn sie wieder gelistet wurden, standen sie unter Kuratel westdeutscher Konzerne. 

Sie haben gefeiert, dass wir unsere Sprache, unsere Ausdrücke, dass was wir sind, vom Westen bestimmt wird. 

Sie haben gefeiert, dass ihre Biographie entwertet und sie zu Bittstellern gemacht wurden.

Sie haben gefeiert, dass es nun hier und heute Obdachlose und Bettler gibt.

Sie haben Lügen gefeiert. 

Die Sichtweise der Sieger ist jetzt ihre Sichtweite. Ein Beispiel soll dafür stehen: Eine Frau sagte, dass an diesem Montag vor 25 Jahren die Armee auf den Straßen von Leipzig stand. Sie scheint das irgendwo aufgeschnappt zu haben oder in irgendwelchen Medien gelesen (falls sie das kann) oder gesehen haben. 

Man kann den Fakt immer wieder wiederholen, er wird trotzdem nicht wahrer. Am Montag vor 25 Jahren gab es in der Leipziger Innenstadt einen Aufzug von Polizisten, Bereitschaftspolizei und Hunden. Am Montag vor 25 Jahren, wurde durch den Stadtrundfunk dazu aufgerufen, die Arbeitsplätze in der Stadt zu verlassen und nach Hause zu fahren. Wir alle hatten Angst, was geschehen werde.  Am Montag vor 25 Jahren haben aber verschiedene Persönlichkeiten von Leipzig - auch örtliche SED-Funktionäre - zur friedlichen Demo beigetragen. Niemanden sind die Nerven durchgegangen. Danach wurde das Gewandhaus für Diskussionen geöffnet. Kombinatsleiter mussten ihrer Belegschaft Rede und Antwort stehen, und zwar der ganzen Belegschaft. Abgeordnete und Ratsmitglieder wurden gefragt, in welchem Namen sie eigentlich sprächen, wer sie legitimiert hätte. Viele führende Menschen, ob nun in den Kombinaten, kleinen Betrieben, Kunstbetrieben hatten sich der Legitimationsfrage zu stellen, auch ein Herr Tillich hätte sich vielleicht dieser Frage stellen müssen, denn es ging nicht nur um SED-Mitglieder in verantwortungsvollen Positionen. Oft arbeiteten Ratsmitglieder nur noch unter Maßgabe der runden Tische.

Hier waren Ansätze von wirklicher Demokratie, an die niemand mehr erinnert oder erinnern darf. Die Menschen könnten sich vielleicht endlich mal besinnen und Demokratie einfordern.

Ja, man kann vieles über Freiheit und Unfreiheit oder Demokratie und nicht Demokratie sagen. Probiere es doch mal jemand aus und zitiere als Gruppe einen Vorstandsvorsitzenden vor die Belegschaft und lasse ihn zu seiner Legitimation sprechen. Und wenn diese nicht schlüssig wäre, müsste er dann seinen Posten räumen, wie es damals Ende 1989 und Anfang 1990 im Osten von Deutschland war?

Im "Herrn der Ringe" wird gesagt: Und was nicht in Vergessenheit hätte geraten dürfen ging verloren. Geschichte wurde Legende. Legende wurde Mythos. 


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