Freitag, 17. April 2015

Das Event des Tages: Deutschland trauert

Live wird sie übertragen, die Trauerfeier. Die Medien tummeln sich vor dem Kölner Dom. Eine Nummer kleiner ging es nicht. Schließlich müssen alle Politiker ihre Plätzchen möglichst in der 1. Reihe erhalten können. 

Deutschland trauert.

Wir sind alle furchtbar traurig, wegen der Flugzeugabsturzopfer. Nur wir kennen sie überhaupt nicht, falls wir nicht zufälligerweise Verwandte oder Freunde der Toten sind. Das ist aber nicht wichtig. Trauern ist wichtig. Kollektives Trauern. Das schweißt uns zusammen. Das macht uns zu Deutschen. Wir trauern gemeinschaftlich, ob wir die Opfer nun kennen oder nicht. Das macht uns zur Volksgemeinschaft.

In trauter Runde treten sich die Politiker gegenseitig auf die Beine. Auch sie trauern. Sie kennen zwar auch keines der Opfer, aber trauern macht sich gut. Das gibt tolle Bilder in den Bild-Medien. Da kommt es volksnah rüber, wenn Mutti traurig guckt: Ich bin eure Mutti! Man hört es förmlich aus ihrem Mund tröpfeln. Ich liebe euch doch alle! Ups, das hatte ein anderer Volksfreund gesagt, ein längst vergangener. Na, macht nichts. Von ihr könnte es auch kommen.

Die PR läuft auf Hochtouren. Der Platz vor dem Kölner Dom ist abgesperrt. Angeblich um die Trauernden von den Gaffern und Medien zu trennen. Aber wir trauern doch alle! Unsere Tränen strömen. Wir sind die Klageweiber - auch wenn Männer dabei sind - der Nation. Die Übertragungswagen stehen schon bereit. Sie sollen unser aller Tränen einfangen. Blumengestecke werden geschäftsmäßig von den Unternehmen in den Dom getragen. Sie haben wieder mal einen Auftrag ergattert. Sie können aufatmen. Kollektives Trauern macht gut Münze. 

Nach Abschluss des Gottesdienstes - sind überhaupt alle Trauergäste Christen? - treffen sich die Politiker im trauten Kreis mit den Angehörigen der Opfer. Das macht sich gut für kommende Wahlkämpfe. Ach, sie sind ja auch so liebe Menschen und haben mit uns getrauert. Neue Gesetze gegen das Wohl der Bürger stoßen dann auf viel mehr Verständnis. Ach die arme Mutti, sie wollte das ja nicht, sie musste diese Gesetze erlassen, sie waren alternativlos und wir müssen halt unser Päckchen tragen. Jeder muss sein Päckchen tragen - auch Mutti.

Und wo bleibt der Mann, die Frau, die Mutter, der Vater, die Freundin, der Freund, die ihre Lieben bei diesem Flugzeugabsturz verloren haben? Wo bleibt deren Trauer? 

Tränen werden institutionalisiert. Tränen werden einem Fernsehpublikum frei Haus geliefert. Hier erlebt der Zuschauer keine inszenierte Doku-Soap. Hier kann er gaffen, so tun, als ob er mitleiden würden. Hier ist er Mensch, hier kann er sein. 

Ich frage mich bei solchen Anlässen immer wieder: Wieso machen das trauernde Angehörige mit? Wieso lassen sie sich in ihrer Trauer vor den Karren von Politikern spannen? Vor den Karren einer sensationshungrigen Meute von Medienarbeitern? Vor Gaffern direkt vor Ort und an den Fernsehern der Republik? Wieso, frage ich mich immer wieder.

Trauer ist sehr privat. Jeder weiß, wie es ist, Angehörige zu verlieren. Aber keiner kann den Schmerz anderer wirklich mitfühlen. Kein Außenstehender weiß, wie es jemanden zumute ist, der sein Kind verloren hat, seinen Partner, seinen Freund oder wen auch immer, mit dem er innig verbunden war. Trauer ist sehr privat. Sie ist nicht mit Logik zu erfassen. Sie passiert in der Seele. Wieso lassen sie es zu, dass ihre Trauer in die Öffentlichkeit gezerrt wird? Das hilft niemanden. 

Wieso lassen wir nicht Tode ruhen? Wieso missbrauchen wir Tode zu Eventen? Wieso?

Deutschland trauert. Nein Deutschland trauert nicht. Deutschland eventet.









Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich, dass du kommentierst. Nur beachte bitte:

Kommentare, die rassistisch sind, Hetze gegen bestimmte Personengruppen verbreiten und im Gossenjargon angefertigt werden, sind Spam und werden von mir nicht veröffentlicht. Außerdem mache ich bei unsachlichen und nicht zur Sache gehörenden Kommentaren sowie doofem Gelabere von Trollen von meinem Hausrecht gebrauch.